Covid-19: Fünf Herausforderungen hinter dem Impfstoff-Durchbruch

André Spicer, Professor für Organisationsverhalten an der Londoner City University, benennt die aus seiner Sicht wichtigsten Herausforderungen bei der Herstellung, Lieferung und Verabreichung eines COVID-19-Impfstoffs

Auch nach der Entwicklung von Impfstoffen bleiben Stolpersteine bei der Bewältigung des Virus bestehen. (Foto: Shawn Hempel / AdobeStock)
Auch nach der Entwicklung von Impfstoffen bleiben Stolpersteine bei der Bewältigung des Virus bestehen. (Foto: Shawn Hempel / AdobeStock)
Therese Meitinger

Die Pharmakonzerne Pfizer und Biontech haben am 9. November einen bahnbrechenden Impfstoff angekündigt, der ihren Angaben zufolge mehr als 90 Prozent der Menschen vor einer Covid-Infektion schützen können soll. Professor André Spicer, Professor für Organisationsverhalten an der Business School (ehemals Cass), City University of London, geht jedoch davon aus, dass abgesehen von der enormen Herausforderung bei der Implementierung und Verteilung des Impfstoffs, noch einige zusätzliche Hürden zu überwinden sind.

Laut André Spicer hängen diese mit Herstellung, Logistik, Ethik, Marketing und Lernen zusammen. Im Folgenden gibt er seine Einschätzung:

Herstellung

Bei der Herstellung gehe es darum, die Produktion rasch zu steigern, um Millionen von Impfstoffdosen herzustellen, so Spicer. Und weiter

„Die Herausforderung, die Produktionskapazitäten vorzubereiten, wurde teilweise dadurch bewältigt, dass die Impfstoffhersteller Impfstoffe vorbereiten oder bereits produzieren. Eine größere Herausforderung wird jedoch darin bestehen, zu lernen, wie man einen Impfstoff herstellt und das Wissen teilt, damit eine Reihe von Herstellern schnell skalieren können.“

Impfstoffhersteller tendierten dazu, ihr Fachwissen zu schützen, weil es ihnen einen Wettbewerbsvorteil verschaffe, aber die gemeinsame Nutzung dieses Know-hows von Wettbewerbern werde dazu beitragen, die Produktion zu steigern.

Logistik

Lieferketten, die es ermöglichen, den Impfstoff bei sehr niedrigen Temperaturen zu halten, sind André Spicer zufolge für seine Wirksamkeit unerlässlich.

„Eine praktische Herausforderung bei der Gestaltung dieser Lieferkette sind die so genannten Last-Mile-Challenges, die sorgfältige Überlegungen darüber erfordern, wie ein Impfstoff von der Lagerung bis zur Verabreichung gelangt“, sagt er. „Es wird wahrscheinlich erhebliche unvorhergesehene Herausforderungen geben, wenn sichergestellt werden soll, dass ein wirksamer Impfstoff die Menschen, die ihn benötigen, auch tatsächlich erreichen kann.“

Ethik

Zumindest anfangs wird es nach Ansicht von Professor Spicer nur eine begrenzte Menge an Impfstoffen geben.

„Dies wirft eine schwierige ethische Frage auf, wer den Impfstoff zuerst erhält und wie es entschieden werden sollte - sollten es Menschen sein, die am dringendsten Hilfe benötigen oder die es sich leisten können?“, erläutert er. „Würde man Ministern, Firmenchefs oder Berühmtheiten, die frühzeitig einen Impfstoff bekommen, vorwerfen, dass sie sich vordrängeln?“

Der ungleiche Zugang zu dem Impfstoff könnte Spicer zufolge erbitterte öffentliche Konflikte auslösen. Dies erfordere einen klar vereinbarten Rahmen für die Zuteilung des Impfstoffs.

Der Wissenschaftler schlägt das Modell der „fairen Priorität“ vor, bei dem Impfstoffe zunächst auf der Grundlage der Minimierung unmittelbarer Gesundheitsschäden, dann zur Verringerung der wirtschaftlichen und sozialen Benachteiligung und schließlich im Interesse der Rückkehr zur normalen Funktionsweise zugeteilt werden.

Marketing

Die Menschen müssen von der Notwendigkeit der Impfung überzeugt werden, ist André Spicer überzeugt. Der zunehmende Einfluss einer wachsenden Anti-Impf-Stimmung in breiteren Bevölkerungsschichten bedrohe die Massenverabreichung eines Impfstoffs.

„Die Gesundheitsdienste werden die Menschen davon überzeugen müssen, dass es in ihrem besten Interesse ist, sich impfen zu lassen, was bedeutet, dass fehlerhafte Informationen durch das Kennzeichnen von ,Fake News‘, die Bereitstellung leicht verständlicher Fakten und die Durchführung von Aufklärungskampagnen in Frage gestellt werden müssen“, sagt er.

Die bloße Bereitstellung von Fakten allein scheine die Impfgegner nicht zu überzeugen. Was seiner Ansicht nach zu funktionieren scheint, sind ansprechende Formulierungen - über Reinheit und Freiwilligkeit - und der Einsatz vertrauenswürdiger Personen wie Hausärzte, um über Impfstoffe aufzuklären, anstatt unverhüllte Fakten aufzudrängen.“

Lernen

Die Lernherausforderung sieht Spicer darin, viele der Lehren, die während der COVID-Krise gezogen wurden, beizubehalten.

„Wenn eine Krise vorüber ist, fällt es Organisationen und Regierungen leicht, zur Normalität zurückzukehren und viele der hart erkämpften Lehren zu vergessen“, erklärt er. „Einige der Technologien, die während des Impfstoff-Rennens entwickelt wurden, werden wahrscheinlich fortbestehen. Auch die Gefahr, dass viele der gemachten Fehler einfach vergessen und immer neu gemacht werden, ist nicht auszuschließen.“

Wenn man viele der während der Pandemie aufgetretenen Probleme vermeiden wolle, sei es unerlässlich, dass diese von Regierungen und Organisationen begangenen Fehler klar dokumentiert und im organisatorischen Gedächtnis kodiert würden.

„Es besteht die Gefahr, dass die öffentlichen Gesundheitsbehörden, wenn sie ständig eingeschränkt und umgebaut werden, viel von diesem organisatorischen Gedächtnis verlieren“, so Spicer abschließend.

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