Coronakrise: DHL und Microsoft gehen die zweite Welle digital an

Wer Lieferketten in der Pandemie stabil halten will, darf nicht auf Perfektion setzen, so Hendrik Venter, Europa-CEO von DHL Supply Chain, und Microsoft-Europa-Präsident Ralph Haupter in einem Panel. Wichtig sei jetzt vor allem Agilität.

Hendrik Venter ist CEO für Mainland Europe, Middle East and Africa (EMEA) bei DHL Supply Chain. (Foto: DHL)
Hendrik Venter ist CEO für Mainland Europe, Middle East and Africa (EMEA) bei DHL Supply Chain. (Foto: DHL)
Therese Meitinger

Zu Beginn der zweiten Pandemie-Welle nahmen sich Hendrik Venter, EMEA-CEO von DHL Supply Chain, und Microsofts-EMEA-Präsident Ralph Haupter, am 28. Oktober Zeit, um über die bisherigen Erkenntnisse der von ihnen angeführten Unternehmen aus der Coronakrise zu reflektieren. In einem von Prof. Richard Wilding von der Universität Cranfield moderierten Medienpanel standen dabei grundlegende Fragen im Vordergrund: Wie lassen sich Lieferketten angesichts von Disruption und schwankender Bedarfe aufrechterhalten? Welche Rolle spielen dabei Daten und Technologien? Und was können Unternehmen aus den Erfahrungen anderer lernen?

Die Coronakrise hat Lieferketten in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gerückt, sind sich Hendrik Venter und Ralph Haupter einig. Ihre zentrale Rolle sei nun vielen bewusst, die sich zuvor nie mit ihnen beschäftigt hätten, argumentiert Venter. Der Stresstest, dem Supply Chains im Zuge der Coronakrise ausgesetzt waren, unterstreicht seiner Ansicht nach zugleich die Notwendigkeit für deren durchgängige Nachverfolgbarkeit.

„Im New Normal sind mehr denn je flexible und agile Lieferketten gefordert“, so Venter. Das erforderten auch die Anpassungen im SCM, die DHL bei seinen Unternehmen beobachtet hat. „Viele bewegen sich jetzt in Richtung Nearshoring oder setzen auf eine Multi-Supplier-Strategie“, sagt der DHL Supply Chain-Europa-Chef.

Hinzukommt ihm zufolge, dass viele Unternehmen ihren geplanten Eintritt ins E-Commerce jetzt beschleunigt umsetzten – und dafür bevorzugt Lagerkapazitäten in der Nähe ihrer Kundschaft nutzten.

Reicht es, fünf Tage lang Daten zu sammeln?

„Die Einsicht, dass Daten die Währung für den geschäftlichen Erfolg sind, setzt sich zunehmend durch“, erläutert Ralph Haupter von Microsoft. „Jetzt geht es darum, wie man an relevante Daten gelangt und sie nutzt, um Forecast und tatsächlichen Bedarf näher zusammenzubringen.“ Eine entsprechende Kooperation von Microsoft und der britischen Supermarktkette Morrisons habe in der ersten Pandemiewelle etwa zu bedarfsgenauen Prognosen in der Regalbelegung geführt. Doch die für eine umfassende Digitalisierung notwendige Agilität sieht Haupter in vielen Führungsetagen noch nicht verankert:

„Wir müssen von der Ansicht wegkommen, dass die Restrukturierung von Lieferketten eine Aufgabe ist, die die nächsten fünf Jahre in Anspruch nehmen wird“, sagt der Microsoft-Europa-Präsident. „Es sollte dafür reichen, über fünf Tage hinweg Daten zu sammeln.“

Dass es in einer zweiten Pandemiewelle mehr auf Agilität denn auf Perfektion ankommen wird, diese Ansicht teilt auch Hendrik Venter von DHL. „Richten Sie nicht den Fokus auf alles und jedes“, rät er Unternehmen. „Es ist vor allem wichtig, seine eigenen Schwachstellen und die Risiken für Kunden zu kennen – und geeignete, verfügbare Technologien zu finden, die ein möglichst schnelles Scale-up über das gesamte Unternehmen hinweg ermöglichen.“ Bei DHL folge man etwa dem Grundsatz so viele Prozesse wie möglich zu standardisieren.

Große Genauigkeit ist hingegen bei der Erarbeitung einer Transportstrategie für mögliche Covid19-Impfstoffe gefordert, die DHL aktuell entwickelt. „Weil Impfstoffe so dringend benötigt werden, werden in einigen Fällen Entwicklungsschritte übersprungen. Das führt jedoch zu verschärften Anforderungen an temperaturgeführte Transporte, die zum Teil bei -180 Grad Celsius durchgeführt werden müssen“, erklärt Venter. Die weltweite Verteilung von Impfstoffen erfordere zugleich Lösungen für wenig entwickelte Infrastrukturen wie etwa ein mangelhaftes Straßennetz. Man arbeite bei DHL mit Pharmaunternehmen, Regierungsbehörden und NGOs derzeit an einem Konzept und sei zuversichtlich, der Herausforderung gewachsen zu sein.

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