Chinesische Häfen: Lockdown auch in Peking möglich

Probleme in Shanghai sieht der SCM-Plattformanbieter Project44 aktuell vor allem im Import sowie im intermodalen Weitertransport.

Quo vadis, Containerschiff? Während der Schiffsstau vor dem Shanghaier Hafen zugenommen hat, könnte es auch in Peking zu einem Covid-bedingten Lockdown und damit zu Störungen im Hafenbetrieb kommen. (Symbolbild: Moofushi / AdobeStock)
Quo vadis, Containerschiff? Während der Schiffsstau vor dem Shanghaier Hafen zugenommen hat, könnte es auch in Peking zu einem Covid-bedingten Lockdown und damit zu Störungen im Hafenbetrieb kommen. (Symbolbild: Moofushi / AdobeStock)
Therese Meitinger

Der SCM-Plattform-Anbieter Project44 hat die Situation an den chinesischen Häfen und die erwarteten langfristigen Auswirkungen daraus untersucht. Dabei zeichnet er ein wenig optimistisches Bild: China habe die Covid-Teststrategie auf fast alle 22 Millionen Einwohner Pekings ausgeweitet, nachdem neue lokale Übertragungsfälle gemeldet wurden, schreibt Project44 am 9. Mai in einer Pressemitteilung. Diese Testausweitung nähre Befürchtungen vor einem bevorstehenden Lockdown nach Shanghaier Vorbild. Als Reaktion fiel der chinesische Aktienindex (CSI) auf den tiefsten Stand seit Mai 2020. Aktienmärkte in ganz Asien reagierten negativ auf diese Ankündigung, auch die Kurse weltweit fielen drastisch. Weitere Lockdowns würden zu monatelangen Unterbrechungen der globalen Supply Chain führen und den ohnehin schon hohen Inflationsdruck verstärken, argumentiert das IT-Unternehmen.  

Wo liegen die Engpässe?

Da China hauptsächlich exportiert, treten die Engpässe, so Project44, schon lange vor dem Eintreffen der Container im Hafen von Shanghai auf. Nach Stilllegung des Fertigungssektors und den Mobilitätsbeeinträchtigungen der Lkw-Fahrer, seien Exporte zurückgegangen und Lieferverzögerungen hätten zugenommen. Da der Hafen von Shanghai uneingeschränkt funktionsfähig geblieben ist, konnten in den Plattformen von Project44 keine erheblichen Verlängerungen der Verweilzeiten von Exportcontainern im Hafen festgestellt werden. Bei den Importcontainern ist das Gegenteil der Fall: Ihre Verweildauer stieg nach den Daten des IT-Anbieters um 237 Prozent, von 4,6 Tagen am ersten Tag des Lockdowns auf mehr als zwei Wochen kurz bevor der Lockdowns am 22. April teilweise aufgehoben wurde. Die Verweilzeiten der Importcontainer explodierten laut Project44, weil Lkw-Fahrer die ankommenden Container nicht rechtzeitig aus dem Hafen abholen konnten.

Zudem seien Massengutfrachter, die wichtige Rohstoffe für die Produktion, wie beispielsweise Eisen- oder Kupfererz, transportierten, in und um China aufgehalten worden, heißt es. Die Knappheit dieser kritischen Rohstoffe habe einen Dominoeffekt auf Preise in der Bau- und Stahlindustrie und vielen anderen Bereichen ausgelöst.

Wo kommt es zu Lieferverzögerungen?

Transitzeiten im Seeverkehr – die Zeit zwischen der Abfahrt vom Verladehafen und der Ankunft im Entladehafen – zwischen China und wichtigen Anlaufhäfen sind nach den Zahlen von Project44 im letzten Jahr kontinuierlich gestiegen. Die Folgen der Lieferverzögerungen werden demnach erst jetzt sichtbar und werden sich voraussichtlich bis weit in die nächsten Monate ziehen.  

Die Daten von Project44 zeigen, dass die Lieferverzögerungen in die großen europäischen Häfen Antwerpen, Hamburg und Valencia sowie in den Häfen der US-Westküste Long Beach, Tacoma und Seattle zunehmen. Angesichts der gestiegenen durchschnittlichen Transitzeiten von 65 Tagen nach Hamburg und mehr als 41 Tagen nach Long Beach, werden sich in den kommenden Wochen die Lieferverzögerungen aus Shanghai noch deutlicher bemerkbar machen. Der Anbieter definiert „Lieferverzögerungen“ als die Differenz zwischen der ursprünglichen geplanten Ankunftszeit (ETA) und der tatsächlichen Ankunftszeit (ATA) der Lieferung.

Obwohl die chinesischen Behörden einigen Unternehmen in Shanghai erlaubt haben, „zum normalen Betrieb zurückzukehren“, befinden sich laut dem IT-Anbieter viele Arbeiter immer noch in Quarantäne. Infolgedessen fehlten den Fabriken entsprechendes Personal für den Normalbetrieb. Darüber hinaus litten Hersteller, die ihre Fabriken nach dem Covid-Lockdown wieder öffnen wollten, an Komponentenknappheit und Logistikproblemen. Laut Wall Street Journal prognostiziert der Tesla-Display-Zulieferer AU Optronics Corp., dass die Supply-Chain-Auswirkungen noch drei Monate andauern werden – auch wenn der chinesische Lockdown bald endet.

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