China-Handel: Droht die Mutter aller Lieferkettenprobleme?

China verfolgt eine rigide No-Covid-Politik, zugleich sind die in China eingesetzten Impfstoffe offenbar wenig wirksam gegen die Omikron-Variante. Darin könnten massive Risiken für die weltweiten Lieferketten liegen.

Die chinesische No-Covid-Strategie könnte unerwartete Nebenwirkungen mit sich bringen. (Foto: Paul Rushton / Fotolia)
Die chinesische No-Covid-Strategie könnte unerwartete Nebenwirkungen mit sich bringen. (Foto: Paul Rushton / Fotolia)
Therese Meitinger

„China könnte die Weltwirtschaft in den Abgrund reißen“, überschrieb die Süddeutsche Zeitung am 20. Januar einen Konjunkturbericht. Darin zitierte sie Frederic Neumann, Asien-Experte der Großbank HSBC, der für den Fall eines großflächigen Omikron-Ausbruchs in Asien „die Mutter aller Lieferkettenprobleme“ prognostizierte. Was die Lage nach Ansicht der SZ-Autoren so brisant macht, ist das Zusammenspiel aus zwei Faktoren: Zum einen verfolgt die chinesische Staatsführung eine strikte No-Covid-Strategie, zu der auch gehört, dass große Containerhäfen oder Teile davon bereits beim Auftreten eines oder weniger Covid-19-Fälle kurzfristig geschlossen werden. Welche Auswirkungen das auf die internationalen Lieferketten hat, war im letzten Jahr etwa im Fall Yantian zu beobachten.

Welche Gefahr birgt ein Omikron-Ausbruch in China?

Zugleich sind dem Bericht zufolge zwar 85 Prozent der Chinesen vollständig geimpft, jedoch fast ausschließlich mit den chinesischen Totimpfstoffen „Sinovac“ und „Sinopharm“. Bisher unveröffentlichte Berichte etwa der Universität Hongkong wiesen darauf hin, dass diese nicht ausreichend gegen die Omikron-Variante schützten, so die SZ. Aus größeren Omikron-Ausbrüchen können nach dieser Logik massive Risiken für die weltweiten Lieferketten und die konjunkturelle Erholung vieler Volkswirtschaften erwachsen. Doch ist der Ausblick wirklich so düster? LOGISTIK HEUTE hat zwei Experten um ihre Einschätzung gebeten.

„Das Risiko ist real, auch wenn das Szenario im Ganzen aus meiner Sicht etwas zu düster beschrieben ist“, sagt etwa Alexander Nowroth, Managing Partner der Unternehmensberatung Lebenswerk Consulting Group. Er verweist darauf, dass ein Großteil der umschlagstärksten Containerhäfen in China liegt, und China in der Vergangenheit bereits Häfen wegen eines einzigen Infektionsfalls geschlossen hat. 

„Was mir Hoffnung macht, ist, dass China aus vorherigen Wellen Erfahrung gesammelt hat und deutlich stärker versuchen wird, die Häfen sehr schnell wieder zu öffnen“, erklärt Nowroth. „China weiß: Wenn im eigenen Land permanent Häfen geschlossen werden, würde man sich letztlich selbst ins Knie schießen. Das hätte schließlich zur Folge, dass Unternehmen sich überlegten, angesichts der damit verbundenen Unsicherheit ihre Produktion in andere Länder zu verlegen.“

Unterschiedliche Covid-19-Strategien bringen Unwägbarkeiten

Zugleich liegt seiner Ansicht nach in einer global vernetzten Wirtschaft immer eine gewisse Unwägbarkeit in der Tatsache, dass viele Länder das Virus sehr unterschiedlich managen. „Daran wird sich auch auf absehbare Zeit nichts ändern“, sagt er.

Auch Prof. Dr. Michael Schüller, der an der Hochschule Osnabrück Management / Supply Chain Management lehrt, sieht in einem möglichen Omikron-Ausbruch in China ein potenzielles Lieferkettenrisiko. Der Wissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt China betreute lange Zeit ein gemeinsames Studienprogramm mit der chinesischen Universität Hefei. Neben den viel diskutierten klassischen Lieferkettenrisiken sei eine andere Folge der chinesischen No-Covid-Strategie bisher unterbelichtet, sagt Schüller

„Aktuell ist es kaum möglich, in das Land zu reisen. Der Austausch, den es vor Ort mit Menschen gab, ist faktisch seit zwei Jahren nicht mehr existent“, erläutert Schüller. „Und es gibt durchaus Stimmen, die prognostizieren, dass die Situation bis Ende 2023 anhalten wird.“

Mit der Unmöglichkeit zu reisen sieht er die Möglichkeit zum informellen Austausch und Kontaktaufbau stark beeinträchtigt. Geschäftsbeziehungen nach China aufzubauen, sei im Moment deutlich erschwert. Schüller hofft auf mögliche Lockerungen im Nachgang der Olympischen Winterspiele.

„Wird der Härtetest, dass viele Menschen ins Land kommen, gut bestanden, wird sicherlich noch einmal neu bewertet, inwiefern Besuche in China künftig leichter möglich sind.“

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