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Brexit: Briten entscheiden sich für EU-Austritt

Stimmen zu möglichen Folgen für Logistik, Warenverkehr und Allgemeinwirtschaft.
(Foto: Fotolia.com/ Eisenhans)
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Matthias Pieringer

Großbritannien wird der Europäischen Union den Rücken kehren. Das steht nach dem am Donnerstag durchgeführten Referendum fest. Wie schätzen Logistikwissenschaftler, Unternehmensvertreter und Verbände aus Einkauf und Logistik, Industrie und Handel mögliche Auswirkungen des „Brexit“-Votums ein? LOGISTIK HEUTE hat erste Stimmen und Reaktionen zusammengestellt.

Laut Prof. Dr. Christian Kille, vom Institut für Angewandte Logistik (IAL) der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, wären zwei extreme Szenarien nach dem Brexit denkbar. Das eine: „Die Rest-EU arrangiert sich mit dem Vereinigten Königreich, bleibt aber zusammen und „is doing business as usual“. Das andere Szenario wäre Kille zufolge „ein Auseinanderfallen der EU, da auch einige andere Länder dem folgen könnten und ein Referendum organisieren könnten“. Dies hätte dann, so Kille, nicht nur auf den Binnenmarkt eine Auswirkung, sondern TTIP sei dann faktisch hinfällig. Und alle anderen ausgehandelten Handelsverträge seien es eventuell auch, „weil der größte Binnenmarkt der Welt, mit dem verhandelt wurde, auf ein Kern-Europa zusammengeschrumpft ist oder schrumpfen könnte. Ungefähr 50 EU-Freihandelsverträge mit Drittstaaten würden nichtig, die alle neu verhandelt werden müssten. Logistikprozesse und Transportzeiten würden sich verlängern, Zollkontrollen müssten wieder eingeführt werden. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft sind in jedem Fall sehr greifbar und für den E-Commerce wäre ein Brexit ein sehr unschönes Szenario. Die Exportnation Deutschland hätte daran einiges zu knabbern.“

Betrachte man, so Kille, das Negativ-Szenario würde dies für die Logistik bedeuten, „dass sie zumindest nicht ganz so stark schrumpfen würde wie das BIP, da zusätzliche Leistungen notwendig wären, um Exporte zu organisieren – insbesondere Zoll. Da aber die Leistungsfähigkeit der Unternehmen in Deutschland in Mitleidenschaft gezogen werden würde, würde das BIP deutlich ins Straucheln kommen.

Das Positiv-Szenario hingegen beschreibt Logistikwissenschaftler Kille so: „Die Logistik würde deutlich wachsen, da Investitionen in Logistikzentren von der Insel auf das Festland wandern würden“.

Das sagen weitere Stimmen zum Brexit:

Dr. Christoph Feldmann, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME):
„Im Zeitalter von Just-In-Time-Produktion, der Globalisierung und dem neuen Trend zur Digitalisierung haben es unsere Unternehmen mit immer komplexeren, flexibleren und volatileren Lieferketten zu tun. Diese Sicherheit ist in einem geschwächten Wirtschaftsraum brüchiger geworden.“

Bernhard Simon, CEO des Logistikdienstleisters Dachser:
„Wir bedauern die Entscheidung. Dachser ist ein Unternehmen, das zusammen mit seinen Kunden in einem geeinten Europa der offenen Grenzen gewachsen ist. Deshalb sind wir der Überzeugung, dass ein Rückfall in Nationalismus und Kleinstaaterei politisch und wirtschaftlich der falsche Weg ist. Großbritannien bleibt ein wichtiger Teil im europäischen Stückgutnetz von Dachser. Wir glauben an den dortigen Markt. Erst 2014 haben wir in das Logistikzentrum in Northampton investiert und verzeichnen in Großbritannien ein stabiles Wachstum. So ist unsere Landesgesellschaft 2015 um 15 Prozent beim Umsatz gewachsen.“

Georg Kirchmayr, President des Intralogistikanbieters TGW Logistics Group:
„Das Votum ist überraschend für uns. Ehrlich gesagt haben wir damit nicht gerechnet und das ist natürlich nicht erfreulich. Wir haben eine sehr wichtige Tochterfirma am englischen Markt mit ambitionierten Wachstumsplänen. Allerdings ist der Markt insgesamt derzeit sehr gut für unsere Branche und eine Wachstumsbremse sind die vorhandenen Ressourcen. Insofern sind wir zuversichtlich, dass wir mögliche negative Auswirkungen auf anderen Märkte abfedern können.“

Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA):
„Die Entscheidung der Briten fiel knapp aus. Dennoch: Jetzt muss Europa erst recht zusammenstehen, damit ein möglicher Dominoeffekt vermieden wird. Es muss alles getan werden, um den bislang ungehinderten Waren- und Dienstleistungsverkehr zwischen Großbritannien und den anderen EU-Ländern auch künftig zu ermöglichen. Auch nach dem ‚leave‘ überwiegen für Großbritannien die Vorteile des freien Warenverkehrs mit dem Kontinent.“

Kuno Neumeier, Geschäftsführer des Logistikimmobilien-Beraters Logivest GmbH:
„Mit dem Brexit wird Deutschland als Standort innerhalb Europas weiter an Attraktivität gewinnen. Unternehmen, die sich in Deutschland ansiedeln, werden künftig vor allem Frankfurt als Finanzstandort und Berlin als Verwaltungsstandort besonders ins Auge fassen. Verschärft, durch den Ausstieg Großbritanniens aus der EU, wird auch die Thematik der Flächenknappheit in Deutschland – nicht zuletzt wird sich die Preisspirale für Grundstücke und auch Bestandsimmobilien dadurch nach oben drehen.“

Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer, Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA):
„Die Entscheidung für den Austritt Großbritanniens aus der EU ist ein Alarmsignal für die Unternehmen. Der Brexit wird den Industriestandort Europa viel Vertrauen bei Investoren kosten. Es wird nicht lange dauern, bis unsere Maschinenexporte nach Großbritannien spürbar zurückgehen werden. Völlig unklar ist, was auf Unternehmen mit britischen Tochtergesellschaften zukommt. Die EU muss jetzt den Schaden eindämmen und die Phase der Unsicherheit möglichst kurz halten. Europas Unternehmen brauchen Planungssicherheit und einen verlässlichen Fahrplan für den Austritt.“

Anton F. Börner, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA): „Das Unvorstellbare ist eingetreten. Die Mehrheit der Briten hat sich dazu entschlossen, der EU den Rücken zu kehren. Der politische und wirtschaftliche Flurschaden ist gewaltig. Mit 89 Milliarden Euro an Exporten nach Großbritannien ist das Land unser drittwichtigster Absatzmarkt. Die nun eintretende Schwächung des Pfunds wird unsere Produkte erheblich verteuern. Schwerer jedoch wird es die britische Volkswirtschaft treffen. Mit einer schwachen eigenen industriellen Basis ist sie massiv auf Importe eben nicht nur von Rohstoffen und Vorprodukten angewiesen. Diese werden sich nun deutlich verteuern und damit das Wohlstandsniveau senken. Die Briten werden sich zukünftig weniger leisten können. Darüber hinaus verliert der Finanzplatz London, als eine der wichtigsten Stützen der Wirtschaft, die europäische Verankerung.“

Dr. Markus Kerber, Hauptgeschäftsführer, BDI - Bundesverband der Deutschen Industrie:
„Wir bedauern zutiefst das Ergebnis des Referendums. Das Resultat ist ein Alarmsignal an uns Europäer, die EU wettbewerbsfähiger zu machen.“

Mathias Krage, Präsident, Deutscher Speditions- und Logistikverband (DSLV):
„Nun kommt es darauf an, dass die Regierung in London denWillen ihrer Bürger in einer für alle Seiten möglichst verträglichenWeise umsetzt. Zugleich gilt es, einenDominoeffekt weiterer Austritte zu vermeiden und denBinnenmarkt auch in einer verkleinertenUnion zu erhalten.“

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