Blockierter Suezkanal: Risikofaktor Mega-Containerschiff

Durch die Blockade des Suezkanals durch das Containerschiff „Ever Given“ könnten etwa zehn Milliarden Dollar an täglichem Schiffsverkehr und Gütertransport zum Erliegen kommen.

Der Einsatz von Containerschiffen, wie dem hier im Symbolbild dagestellten, bringt auch Risiken mit sich. (Foto: Kara / Fotolia)
Der Einsatz von Containerschiffen, wie dem hier im Symbolbild dagestellten, bringt auch Risiken mit sich. (Foto: Kara / Fotolia)
Therese Meitinger

Die Grundberührung des verunglückten Containerschiffs „Ever Given“ im Suezkanal ab dem 23. März hat den Verkehr auf der zentralen Schifffahrtsroute zwischen Europa und Asien zum Erliegen gebracht. Der Unternehmensversicherer Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) hat in einer Pressemitteilung vom 24. März einige häufige Fragen zu dem Thema gesammelt. In den Antworten gibt Kapitän Rahul Khanna, AGCS Global Head of Marine Risk Consulting, seine Einschätzung. Er geht auch auf potenzielle Auswirkungen dieses Vorfalls ein und beleuchtet einige der Risikoherausforderungen, die sich aus den immer größer werdenden Megaschiffen ergeben.

Wie gehen die Betreiber an die Bergung eines so riesigen Schiffes heran? Was sind die Herausforderungen?

Rahul Khanna: Die Containerkapazität von Schiffen ist in den letzten 50 Jahren um 1.500 Prozent gestiegen und hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Ein 224.000 Tonnen schweres und 400 Meter langes Schiff, das bis zu 20.000 Container transportieren kann, wie die „MS Ever Given“, gehört zu den Top-1-Prozent der Schiffsgrößen auf dem Meer. Es liegt auf der Hand, dass die Größe dieser Schiffe eine Bergungsaktion zu einem schwierigen Unterfangen macht. Schon seit einiger Zeit warnen viele Experten in der Bergungsbranche davor, dass Containerschiffe zu groß werden, um Situationen wie diese effizient und wirtschaftlich zu bewältigen.

Ein „Megaschiff“ in einem engen Raum wie dem Suezkanal zu bergen, ist eine Herausforderung, die das Fachwissen eines spezialisierten Bergungsunternehmens erfordert - nicht alle haben die Erfahrung im Umgang mit solchen Schiffen. Deren erste Aufgabe ist es zu beurteilen, inwieweit das Schiff auf Grund gelaufen ist und wie das Schiff am sichersten und schnellsten wieder flottgemacht werden kann. Im besten Fall kann eine Kombination aus Hochwasser und geeigneten Schleppern das Schiff befreien. Wenn das Schiff jedoch auf Grund gelaufen ist, kann das Erleichtern des Schiffes die einzige Option sein. Dazu müssen die Container möglicherweise vom Schiff entladen werden. Dies verzögert und verteuert den Bergungs- beziehungsweise Wiederflottmachungsprozess. 

Was sind die wahrscheinlichen Auswirkungen auf globale Lieferketten? Welche Waren können betroffen sein?

Solche Vorfälle zeigen die unmittelbaren Auswirkungen, die die Blockade einer der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt haben kann, und verdeutlichen, wie abhängig der globale Handel von Megaschiffen geworden ist. Zwischen zehn und zwölf Prozent des Welthandels werden durch den Suezkanal abgewickelt, wobei mehr als 50 Schiffe pro Tag den Kanal passieren. Auto- und Computerhersteller leiden unter einer weltweiten Chip-Knappheit, die durch einen Brand in einer großen Chipfabrik in Japan noch verschärft wurde. Autohersteller haben Fabriken geschlossen, nachdem ein Kälteeinbruch in Texas Anfang letzten Monats die Kunststoffproduktion beeinträchtigt hat, und die kalifornischen Häfen sind von Rückstaus und Verzögerungen betroffen. Der Suezkanal ist eine wichtige Route für den Transport von Öl und verflüssigtem Erdgas aus dem Nahen Osten nach Europa, und auch für Technologie- und Automobilunternehmen besteht das Potenzial für verzögerte Lieferungen.

Was sind die Herausforderungen von Megaschiffen im Allgemeinen? Welche Lehren können aus Sicht des Risikomanagements aus diesem Vorfall gezogen werden?

Die Versicherer warnen seit Jahren, dass die zunehmende Größe der Schiffe zu einer höheren Risikokumulation führt. Diese Befürchtungen bewahrheiten sich nun und machen möglicherweise Fortschritte bei Sicherheit und Risikomanagement in anderen Bereichen zunichte. Megaschiffe bringen den Schiffseignern Skaleneffekte, verursachen aber auch unverhältnismäßig höhere Kosten, wenn etwas schiefgeht. Die Bewältigung von Unfällen mit großen Schiffen, wie Brände, Grundberührungen und Kollisionen, wird immer komplexer und teurer.

Brände an Bord großer Containerschiffe sind recht häufig, und solche Vorfälle können leicht zu hohen Schadenssummen im dreistelligen Millionenbereich führen, wenn nicht sogar mehr. Ein hypothetisches Worst-Case-Schadensszenario, bei dem zwei große Containerschiffe oder ein Containerschiff und ein Kreuzfahrtschiff kollidieren und auf Grund laufen, könnte zu einem Verlust von vier Milliarden Dollar führen, wenn man die Kosten für eine komplizierte Bergung und Wrackbeseitigung sowie etwaige Umweltschäden einbezieht.

Die Größe eines Schiffes kann die Bergungs- und Havariekosten erheblich erhöhen. Megaschiffe erfordern spezialisierte Schlepper und es kann schwierig sein, einen Nothafen zu finden, der über die Kapazität verfügt, ein so großes Schiff abzufertigen, was die Kosten für die Bergungsarbeiten erhöht.

Es ist klar, dass in einigen Schifffahrtssegmenten die Maßnahmen zur Schadenverhütung nicht mit der Vergrößerung der Schiffe Schritt gehalten haben. Dies ist etwas, das bereits in der Entwurfsphase an angegangen werden muss. Und mit 24.000-TEU-Schiffen am Horizont sehen wir jetzt die Auswirkungen dessen, was in Zukunft regelmäßiger passieren könnte. Aus diesem speziellen Vorfall lassen sich zweifelsohne einige wertvolle Lehren für die Lotsenführung und den Umgang mit den ultragroßen Schiffen im Suezkanal ziehen, insbesondere bei Sandstürmen und anderen Szenarien, bei denen die Sicht behindert ist.

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