Autoindustrie: Stabilere Lieferketten erlauben Refokussierung auf Nachhaltigkeit

Nearshoring-Strategien, die auch durch die Einführung von Elektro- und softwaredefinierten Fahrzeugen getrieben werden, dürften sich verstärken, so eine Studie von Capgemini.

Sichtbarkeit und Transparenz sind in der Autoproduktrion der Schlüssel zur Schaffung eines zuverlässigeren Zulieferer-Ökosystems, so eine Studie von Capgemini. (Symbolbild: Zapp2Photo / AdobeStock)
Sichtbarkeit und Transparenz sind in der Autoproduktrion der Schlüssel zur Schaffung eines zuverlässigeren Zulieferer-Ökosystems, so eine Studie von Capgemini. (Symbolbild: Zapp2Photo / AdobeStock)
Therese Meitinger

Die Unternehmen der Automobilbranche fühlen sich heute sicherer im Umgang mit zukünftigen Störungen in der Lieferkette. Zuletzt waren die Automobilhersteller gezwungen, ihr Supply Chain Management zu überdenken, umzustrukturieren und zu refinanzieren. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Studie des Capgemini Research Institute „The Automotive Supply Chain: Pursuing long-term Resilience“, die am 4. September im Rahmen der IAA Mobility in München veröffentlicht wurde. Die Beratung befragte dafür im Juni und Juli nach Eigenangaben 1.004 Führungskräfte von etablierten Automobilunternehmen aus zehn Ländern: den USA, Deutschland, China, Japan, Großbritannien, Indien, Frankreich, Südkorea, Italien und Schweden. Diese Unternehmen umfassten 449 Automobilhersteller mit einem Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Dollar und Automobilzulieferer mit einem Jahresumsatz von mehr als 500 Millionen Dollar, gibt eine Pressemitteilung an.

Capgemini zufolge haben sich die Probleme zwar kurzfristig lösen lassen, aber die Lieferketten wandeln sich aufgrund ihrer Komplexität und sich verändernder Faktoren weiter. Dazu zählten die Beschleunigung der Produktion von Elektrofahrzeugen (EV), neue regulatorische Maßnahmen und die Einführung von mehr softwarebasierten Funktionen wie ADAS (Advanced Driver Assistance Systems), die die Nachfrage nach Halbleitern erhöhen, heißt es.

Vor allem Deutschland baut Offshore-Beschaffung ab

Eine globale Neuausrichtung sei im Gange, da die Beschaffung an Offshore-Standorten den Studienangaben zufolge in den letzten zwei Jahren um 22 Prozent zurückgegangen ist. Europa führt der Erhebung zufolge diesen Trend an und hat die Offshore-Beschaffung seit 2021 um ein Viertel (25 Prozent) reduziert; in Deutschland fällt demnach der Rückgang mit 27 Prozent am höchsten aus. Dahinter folgen APAC und die USA, die die Offshore-Beschaffung um 20 Prozent beziehungsweise 18 Prozent reduziert haben.

Der Studie zufolge erwarten die Automobilunternehmen, dass die Beschaffung aus Offshoring-Standorten bis 2025 um weitere 19 Prozent zurückgehen wird, da die Produktion von Elektrofahrzeugen steigt und die Herstellung von wichtigen Elektronikkomponenten verlagert wird.

Nachhaltigkeit aktuell noch keine Priorität

Mehrere aufeinanderfolgende Krisen in der Lieferkette haben laut Capgemini die Automobilhersteller Zeit gekostet sowie die Aufmerksamkeit und Investitionen von Nachhaltigkeitsinitiativen abgelenkt. Infolgedessen wird Nachhaltigkeit derzeit von vielen nicht als Priorität angesehen. Nur 37 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass Themen wie das Management des CO2-Fußabdrucks und Umweltrisiken die Entscheidungsfindung in der Lieferkette beeinflussen. Das rückläufige Investitionsverhalten in der gesamten Branche spiegelt diesen Trend wider: Während die Gesamtinvestitionen der OEMs in die Nachhaltigkeit der Lieferkette auf dem Niveau des Vorjahres liegen, sind die jährlichen Investitionen der Zulieferer mit 17 Prozent deutlich zurückgegangen.

Obwohl Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft Schlüsselkomponenten für den Aufbau einer widerstandsfähigeren Lieferkette und zukunftssicherer Unternehmen sind, hat sich die Ausweitung von Initiativen zur Kreislaufwirtschaft aufgrund eines Mangels an Lieferanten von Recyclingmaterialien (und den Materialien selbst) verzögert.

Automobilhersteller müssten Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft mit Faktoren wie Kosten und Erschwinglichkeit in Einklang bringen, argumentiert Capgemini. Die Studie zeige, dass digitale Lösungen dabei helfen können, ein Gleichgewicht zwischen diesen konkurrierenden Faktoren zu finden.

Halbleiter und Elektrobatterien treiben Entwicklung

Aufgrund der zunehmenden Nachfrage nach softwarebasierten Funktionen und Dienstleistungen ist der durchschnittliche Anteil von Halbleitern und Sensoren am Fahrzeugwert in den letzten zwei Jahren um 51 Prozent gestiegen. Es wird erwartet, dass dieser Anteil zwischen 2023 und 2025 um weitere 46 Prozent steigen wird.

Allerdings sieht in der Umfrage nur die Hälfte der OEMs die derzeitige Versorgung mit Halbleiterkomponenten als gesichert an. Von diesen gaben 70 Prozent an, dass der Großteil der Lieferungen derzeit aus China, Taiwan, Japan und Korea kommt. Um eine höhere Versorgungssicherheit zu erreichen, investieren die OEMs in alternative Beschaffungsmethoden und entfernen sich von den Tier-1- und Tier-2-Lieferanten. Außerdem haben sich die OEMs die Rohstoffe für EV-Batterien im Durchschnitt nur für drei Jahre gesichert.

Erhöhung von Lagerbeständen keine langfristige Strategie

Der Studie zufolge ist die Hälfte der OEMs zuversichtlich, dass sie 60 Prozent der Umsatzeinbußen, die sie 2022 erlitten haben, vermeiden könnten, wenn die gleichen Szenarien – einschließlich der Halbleiterknappheit – heute wieder eintreten würden.

Um betriebliche und logistische Probleme zu lösen, haben sowohl die Zulieferer als auch die OEMs Strategien gewählt, die auf zusätzlichen betrieblichen Investitionen und Betriebskapital basieren. Angeführt wird dies durch den Aufbau von Lagerbeständen, den 81 Prozent der Zulieferer und 44 Prozent der OEM umgesetzt haben. Es ist jedoch klar, dass dies langfristig nicht nachhaltig ist, da eine übermäßige Lagerhaltung eine Reihe negativer Auswirkungen auf das betriebliche und finanzielle Wohlergehen von Automobilunternehmen haben kann.

Datengetriebene Transparenz als Schüsselfaktor

Sichtbarkeit und Transparenz sind der Schlüssel zur Schaffung eines zuverlässigeren Zulieferer-Ökosystems. Nur etwas mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Befragten der Capgemini-Erhebung verfügt über eine ausgereifte intelligente Lieferkette, die eine datengestützte Entscheidungsfindung und die Integration neuerer Technologien wie Künstliche Intelligenz und Datenanalyse ermöglicht. Widerstandsfähigkeit und Nachhaltigkeit ließen sich durch eine stärkere Beteiligung an standardisierten, offenen und vertrauenswürdigen Datenökosystemen vorantreiben, die neue Anbieter von softwaregestützten Dienstleistungen einbeziehen, so die Beratung.

Ralf Blessmann, Leiter des Automotive Sektors bei Capgemini in Deutschland, sagt: „In den letzten Jahren waren die Unternehmen gezwungen, ihr Lieferkettenmanagement bei laufendem Betrieb umzustrukturieren und zu refinanzieren, um die zahlreichen Störungen an allen Fronten zu bewältigen. Auch wenn sich die Situation heute positiver darstellt, müssen die Automobilhersteller eine langfristige, intelligente und datengesteuerte Strategie entwickeln, die Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsvorteile schafft. Diese Strategie muss die Kreislaufwirtschaft als wesentliche Komponente einbeziehen – nicht nur, um Unternehmen bei der Bewältigung der regulatorischen Veränderungen zu unterstützen, sondern auch, um neue Akteure in das Ökosystem der Lieferkette einzubinden und ehrgeizige Klimaziele zu erreichen.“

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