Angegriffene Lieferketten: 181 Schiffe fahren um das Kap der Guten Hoffnung

Project44 schätzt die Zahl der Schiffe, die Afrika wegen der Angriffe der Houthi-Rebellen im Roten Meer umfahren, auf 181. Die von der KI der Plattform errechneten geschätzten Ankunftszeiten ergaben, dass sich die Transitzeit für die meisten dieser Schiffe um sieben bis 20 Tage verlängern wird.

Viele Reedereien setzen jetzt auf den Weg um Südafrika, da die Fahrt durch das Rote Meer nicht mehr sicher ist. (Bild: AdobeStock, Yellow Boat)
Viele Reedereien setzen jetzt auf den Weg um Südafrika, da die Fahrt durch das Rote Meer nicht mehr sicher ist. (Bild: AdobeStock, Yellow Boat)
Gunnar Knüpffer

Bislang wurden durch Angriffe der Houthi-Rebellen in der Straße von Bab al-Mandeb das Hapag-Lloyd-Schiff Al-Jasrah, das MSC-Schiff MSC Palatium III, die M/V Swan Atlantic, die MSC United VIII und die Maersk Hangzhou von Inventor Chemical Tankers getroffen. Der jüngste Angriff fand am 31. Dezember 2023 statt. Am 14. Dezember entging das Maersk-Schiff Gibraltar nur knapp einem Raketenangriff. Deshalb haben die großen Reedereien Hapag-Lloyd, MSC, Evergreen und CMA CGM ihren Betrieb im Roten Meer vorübergehend unterbrochen, wie die Plattform für Verlader und Logistikdienstleister, Project44, in einer Mitteilung vom 4. Januar kommunizierte. Maersk nahm den Schiffsverkehr durch das Rote Meer wieder auf, hat aber nach dem jüngsten Angriff auf eines seiner Schiffe eine erneute Unterbrechung des Betriebs angekündigt. Auch das Mineralöl- und Energie-Unternehmen BP hat seine Aktivitäten im Roten Meer eingestellt.

Am 18. Dezember initiierte eine Koalition aus den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich, Bahrain, Kanada, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Spanien und den Seychellen unter dem Namen „Operation Prosperity Guardian“ eine Operation, die sich auf das Gebiet rund um das Rote Meer konzentriert. Ziel dieser Koalition ist es, die Risiken für Handelsschiffe zu minimieren, Angriffe zu verhindern und den Welthandel zu schützen. Die Kampagne wird von einigen weiteren Ländern unterstützt. In Reaktion auf den Hilferuf der Maersk Hangzhou wurden drei Schiffe der Houthi von den USA versenkt. Unmittelbar darauf entsandte der Iran ein Kriegsschiff in die Region. Die Angriffe setzen sich laut Project44 fort und die Entsendung des Kriegsschiffs eines Houthi-Verbündeten birgt die Gefahr einer weiteren Verschärfung der Situation.

Die Schiffe in diesem Gebiet stehen vor der Entscheidung, das gesteigerte Risiko in Kauf zu nehmen, Afrika zu umfahren oder vor Anker zu gehen und auf eine sichere Durchfahrt zu warten. Mit Stand vom 3. Januar 2024 schätzt Project44 die Zahl der Schiffe, die Afrika umfahren, auf insgesamt 181. Die KI-gestützten ETAs der Plattform haben ergeben, dass sich die Transitzeit für die meisten umfahrenden Schiffe um sieben bis 20 Tage verlängern wird. Einige der umgeleiteten Schiffe haben ihre Geschwindigkeit erhöht, um die dadurch entstehenden Verzögerungen zu minimieren. Dies wiederum führt zu einem erhöhten Treibstoffverbrauch, was zu steigenden Preisen im Seetransportsektor führt.  

26 weitere Schiffe verweilen an ihrem aktuellen Standort und beobachten die Entwicklung des Konflikts. Trotz der Initiierung der Operation Prosperity Guardian vermeiden diese Schiffe die Durchfahrt, was darauf hindeutet, dass die Verlader die Sicherheit des Roten Meeres weiterhin anzweifeln. Project44 beobachtet, dass einige Schiffe, die zuvor als umgeleitet gekennzeichnet waren, wieder in die Meerenge zurückkehren. Hierzu zählen vor allem Schiffe der Reederei Maersk, die kurzzeitig ihre Tätigkeit im Roten Meer wieder aufgenommen hatten. Es ist wahrscheinlich, dass diese Schiffe nach dem Angriff vom Wochenende wieder umkehren werden. 

Nur noch 6,6 Schiffe passieren den Suezkanal pro Tag

Die „Karte der vom Konflikt im Roten Meer betroffenen Containerschiffe“ gibt eine Übersicht über alle 207 betroffenen Schiffe. Im Vergleich zum 21. Dezember hat sich das Ausmaß der Auswirkungen vergrößert. Das Kap der Guten Hoffnung verzeichnet einen stärkeren und konstanten Schiffsverkehr. Viele der Schiffe, die auf die Verbesserung der Situation warteten, umfahren nun auch das Kap der Guten Hoffnung, einige bleiben aber auch an Ort und Stelle.

Trotz erhöhter Risiken setzen einige Schiffe ihren Fahrplan wie geplant fort. In der Woche vom 17. bis 24. Dezember passierten insgesamt 66 Schiffe den Suezkanal. In der Woche vom 24. bis 31. Dezember sind es mit 33 Schiffen deutlich weniger. Dies entspricht einem Rückgang des täglichen Schiffsverkehrs um 55 Prozent. Während vor den Anschlägen durchschnittlich fast 15 Schiffe pro Tag unterwegs waren, sind es aktuell nur noch 6,6 pro Tag.

Angesichts der Ankündigungen von Reedereien, Schiffe um den Kanal herumzuleiten, ist es erforderlich, dass sich Handelsrouten, die den Suezkanal nutzen, auf erhebliche Verzögerungen vorbereiten.

Die Aufschlüsselung zeigt die wichtigsten Verkehrswege, die den Kanal nutzen, gemessen an der Anzahl der Fahrten. Der Handel zwischen Asien und Europa/ dem Mittelmeer ist am stärksten betroffen und macht vier von fünf der wichtigsten Verkehrswege aus. Der Handel zwischen Nordamerika (insbesondere der Ostküste) und Asien könnte angesichts der anhaltenden Trockenheitsprobleme am Panamakanal stärker betroffen sein, da dies die effizienteste Umleitungsmöglichkeit ist. Auch wenn die aufgelisteten Fahrtrouten das größte Volumen an Fahrten durch den Kanal ausmachen, gibt es mehr als 33 weitere Handelsrouten, die den Kanal regelmäßig nutzen und ebenfalls von dem Konflikt betroffen sind.

Bisher hat es noch keine Verlängerung der Transitzeiten gegeben. Dies lässt vermuten, dass die umgeleiteten Container, welche die Transitzeit um voraussichtlich 7 bis 20 Tage verlängern könnten, noch nicht ihren Bestimmungsort erreicht haben. Sobald diese betroffenen Container in den kommenden Wochen in den Zielhäfen eintreffen und dort abgefertigt werden, wird diese Zahl deutlich ansteigen.

Route von Südostasien nach Europa ist besonders betroffen

Auch wenn die Auswirkungen auf die Transitzeiten noch nicht sichtbar sind, zeigen die Fahrplanänderungen der Spediteure die erwarteten Verzögerungen.

Besonders stark von Verzögerungen betroffen ist bislang die Route von Südostasien nach Europa. Die Verspätungen sind zwischen der Woche vom 17. bis 23. Dezember und der Woche vom 24. bis 31. Dezember um 105 Prozent angestiegen. Es wird erwartet, dass Schiffe auf dieser Strecke im Durchschnitt beinahe 8 Tage später als geplant ankommen. Für die Route von China nach Europa wird eine Verzögerung von 4 Tagen prognostiziert, während auf der Strecke von Südostasien zur US-Ostküste mit einer Verspätung von 2,5 Tagen gerechnet wird. Es besteht die Möglichkeit, dass diese Zahlen weiter zunehmen, da die Reedereien fortlaufend ihre Schiffsfahrpläne aktualisieren.

Wie Project44 mitteilte, hat mittlerweile das Unternehmen BP hat einen Stopp aller Öltransporte im Roten Meer angekündigt. Dies führt zu einem starken Anstieg der Öl- und Gaspreise.