Erneuerbare Energien: Die Kraft der Logistik

Die Initiative „Power of Logistics“ hat sich zum Ziel gesetzt, die Logistik zu einem nachhaltigen Energielieferanten zu machen. Ein Fotovoltaik-Leitfaden für Neubauten und ein Pilotprojekt zur Verbrauchsdatenmessung sollen dazu beitragen.

Standort der Nutzer HelloFresh und Emons in Barleben: Ein Großteil der Solarmodule war Ende August schon auf den Dächern installiert. Bild: Re.source Projects GmbH
Standort der Nutzer HelloFresh und Emons in Barleben: Ein Großteil der Solarmodule war Ende August schon auf den Dächern installiert. Bild: Re.source Projects GmbH
Matthias Pieringer
Nachhaltigkeit

Beim Kochboxenversender HelloFresh in Barleben bei Magdeburg ist der Energiebedarf ein wichtiges Thema. Zum einen geht es um die Kühlung der Hallen, zum anderen werden die Eispacks, die für die Frische der Kochboxen beim Transport sorgen, vor Ort produziert. Rund 31.000 Quadratmeter umfassen die drei überwiegend gekühlten Halleneinheiten für Produktion und Kommissionierung. Da das Unternehmen seinen Energiebedarf überwiegend mit Solarstrom decken will, entwickelte Baytree das nachhaltige, mit DGNB-Gold (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen) zertifizierte, aus zwei Hallen bestehende Gebäudeensemble mit einer Fotovoltaikanlage mit insgesamt 6,2 Megawatt Peak, die vom Solar Service Provider RE.source betrieben wird. Dazu wird auch das Dach der zweiten, rund 21.000 Quadratmeter großen Halle auf dem Gelände mit Fotovoltaik ausgestattet. Die zweite Halle war zum Zeitpunkt der Planung noch nicht vermietet, inzwischen hat sie der Logistikdienstleister Emons bezogen. Insgesamt sollen künftig rund sechs Gigawattstunden Solarstrom pro Jahr erzeugt werden.

Im Juli traf sich bei HelloFresh in Barleben die Initiative „Power of Logistics“, die 2022 vom Themenkreis Logistikimmobilien der Bundesvereinigung Logistik (BVL) ins Leben gerufen worden war (siehe Kasten). Während die statische Vorrüstung für Fotovoltaik bei Entwicklern heute fast schon zum Standard gehört, kommt es bei der Anlageninstallation auf dem Dach zu wesentlich mehr Herausforderungen.

Wie man ein Solarprojekt zum Erfolg führt, erläuterten Mark Urschel, Senior Technical Director bei Baytree Logistics Properties, und Tilo Nahrath, Geschäftsführer RE.source Projects und Sprecher der Initiative „Power of Logistics“, in ihrem Vortrag „PV-Ready am Beispiel HelloFresh Barleben“. So hat Baytree bei der Entwicklung die PV-Dachanlage von Anfang an in den Planungsprozess integriert und dafür den Solar Service Provider RE.source Projects GmbH eingebunden.

„Für ein erfolgreiches Solarprojekt ist die frühzeitige PV-Integration enorm wichtig. Dafür muss man von Anfang an alle Punkte planen und die Beteiligten ins Boot holen“, sagt Tilo Nahrath gegenüber LOGISTIK HEUTE. Nachträgliche Änderungen seien meist mit hohen Kosten verbunden oder gar nicht möglich. Die statische Vorrüstung von Neubauten für eine PV-Anlage allein bedeute noch nicht, dass Logistikimmobilien ohne weitere bauliche Veränderungen Solarstrom erzeugen oder diesen nutzen könnten, so Nahrath.

„PV-Ready“ bezieht sich dabei nicht nur auf die Statik. Der Standard für Neubauten beinhaltet die frühzeitige Prüfung der Einspeisemöglichkeit für den Netzanschluss, die Überschusseinspeisung mit dem Netzbetreiber und die Klärung des Messstellenbetriebs. Ebenso ist die Leitungsführung für die Einspeisung frühzeitig zu planen. Auch die Trafokapazität, die Trafostandorte und die Schnittstellen an der Mittelspannungsübergabestation müssen frühzeitig festgelegt werden. Ebenso ist die Versicherung von Anfang an einzubeziehen.

Leitfaden finalisiert

Im Workshop „Energieerzeugung“ wurde beim Treffen in Barleben der Leitfaden „PV-Ready“ finalisiert, der nun den Mitgliedern von „Power of Logistics“ zur Verfügung steht. Kernpunkte des Leitfadens sind: Grundlagenermittlung, technische Prämissen und Gebäudeplanung, wirtschaftliche Prämissen und Betreiberfunktion sowie rechtliche Aspekte.

Richard Schneider, Geschäftsführer beim Logistikbauunternehmen Fabrikon und Sprecher der Initiative „Power of Logistics“, sowie Sebastian Weber, Managing Director IoT Solutions bei der P3 Group, informierten die Teilnehmer über den aktuellen Stand des „Power of Logistics“-Pilotprojekts zur Verbrauchsdatenmessung. Ziel ist es, einen künftigen Standard für einen Nebenkostenbenchmark für die verschiedenen Nutzungsprofile von Logistik- und Industrieimmobilien zu etablieren.

Im Pilotprojekt wurde ein komplexes Zählerschema entwickelt, die erfassten Daten werden in einer Cloud gespeichert. Es wurde diskutiert, welche Verhältniswerte in das Frontend der Datenerfassungssoftware implementiert werden sollen, das eigens von der P3 Group programmiert wird.

Nach welchen Kriterien müssen die Daten aufgeschlüsselt werden, um aussagekräftige Erkenntnisse für den zukünftigen Standard zu erhalten? Dazu wurden die Verhältniswerte spezifiziert und umfassen nun unter anderem Nutzungsart, Anzahl der Schichten, Temperatur, Energiepreise, Automatisierungsgrad, Vorjahreswetter, Toröffnungszeiten sowie die Anzahl der Pkw-Ladesäulen. Überlegt wurde auch, wann das System die Verantwortlichen per Pushnachricht informieren soll – etwa bei Verbrauchs- oder Stromspitzen oder wenn ein Tor zu lange offensteht.

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Im Rahmen des Pilotprojektes wurden bereits mehrere Liegenschaften der Zufall Logistics Group mit Messtechnik ausgestattet. Die erfassten Verbrauchsdaten lassen laut „Power of Logistics“ bereits Rückschlüsse auf die Nutzung der Hallen zu und zeigen Unterschiede zwischen Hallen, in denen zum Beispiel Gabelstapler eingesetzt werden und solchen, in denen dies nicht der Fall ist.

„Die genaue Erfassung von Verbrauchsdaten und deren Digitalisierung werden im Zuge der fortschreitenden Elektrifizierung entscheidend sein, nicht zuletzt deshalb, weil sie die Basis für ein adäquates Reporting sind“, sagt der Initiativen-Sprecher und Leiter des Pilotprojekts „Verbrauchsdatenmessung“ Richard Schneider. „In ein paar Jahren wird eine umfassende Messtechnik in den Logistikhallen zum Standard gehören und ein ausschlaggebender Faktor sein, wenn es darum geht, die Halle zu verkaufen oder zu vermieten.“

Energieeffiziente Bauten

Kuno Neumeier, CEO beim Logistikimmobilienberater Logivest Gruppe und Sprecher des BVL-Themenkreises Logistikimmobilien, zieht eine erste Bilanz zur Initiative: „Wie relevant das Thema Energieeffizienz auch in der Logistik ist, zeigt der große Zuspruch, den wir mit ‚Power of Logistics‘ erfahren. Doch es gibt noch zu wenige allgemeingültige Informationen und Standards. Und genau hier setzen wir mit unserer Initiative an. Mit Leitfäden wie ‚PV-Ready‘ oder einem fundierten Nebenkostenbenchmark, basierend auf realen Verbrauchsdaten, können wir einen wichtigen Baustein hin zu energieeffizienten Logistikimmobilien legen.“ Wenn man die Idee von „Power of Logistics“ weiterdenke, so Neumeier, komme man zu einem Energiepark, „bei dem ein komplettes Gewerbegebiet dank angeschlossener Windparks, PV-Anlagen, Geothermie und Co. nicht nur sich selbst, sondern auch die angrenzende Kommune mit Energie versorgt.“ mp

Initiative „Power of Logistics“

Die im Oktober 2022 gestartete Initiative „Power of Logistics“ des Themenkreises Logistikimmobilien der Bundesvereinigung Logistik (BVL) will aufzeigen, wie die Logistik durch großflächige Fotovoltaikanlagen auf Lagerhallen, Windräder in Gewerbeparks, Blockheizkraftwerke und Wärmepumpen nicht nur ihren eigenen Strombedarf decken, sondern auch das Thema Energieautarkie für Kommunen und Gemeinden vorantreiben kann.

„Power of Logistics“ will Logistikinitiativen aus ganz Deutschland sowie Akteure aus der Logistik- und Logistikimmobilienbranche zusammenbringen, um die Logistik langfristig als nachhaltigen Energielieferanten zu etablieren und die Energiewende gemeinsam anzugehen. Im Fokus stehen dabei die Themen „Ausbau regenerativer Energien“, „Energieeinsparung“ und „Nutzung von Überkapazitäten aus der Logistik“. Mittlerweile hat die Initiative „Power of Logistics“ mehr als 40 Mitglieder.

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Artikel Erneuerbare Energien: Die Kraft der Logistik
Seite 20 bis 21 | Rubrik PROGNOSEN