Muda Walk: Im Spaziergang zur effizienteren Intralogistik

Durch die Einbindung von Prozessexperten, den Fokus auf Verschwendung und die richtigen Fragen wird ein Gang durch das Lager zu einer soliden Basis für eine Prozessoptimierung 
in der Intralogistik: Ein strukturierter Muda Walk hilft dabei, Potenziale aufzudecken und Mitarbeiter direkt miteinzubeziehen.

Bei einem Muda Walk können Logistikverantwortliche und ihre Mitarbeiter feststellen, wo es Verschwendung gibt. Bild: Fraunhofer IML
Bei einem Muda Walk können Logistikverantwortliche und ihre Mitarbeiter feststellen, wo es Verschwendung gibt. Bild: Fraunhofer IML
Gunnar Knüpffer
Muda Walk

Für die Prozessoptimierung in der Intralogistik ist es entscheidend, nicht nur den Überblick über die physischen Materialflüsse zu erlangen, sondern auch ein umfassendes Verständnis für die begleitenden Informationsflüsse zu entwickeln. Während der Prozessbegehung des Warenlagers sollten sowohl die Benutzeroberflächen auf Computern, mobilen Datenerfassungsgeräten, Tablets und anderen Geräten als auch die tatsächliche physische Übermittlung von papierbasierten Liefer- und Kommissionierscheinen in den Fokus genommen werden. Ebenso relevant ist es, die zugrunde liegenden Prozesse zu erfassen, bei denen Informationen entweder systemseitig verarbeitet oder manuell durch Mitarbeiter eingetragen werden.

Zur Erfassung dieser Informationsflüsse helfen die folgenden Fragen, die bei der Prozessbegehung an die operativen Mitarbeiter gestellt werden können:

Woher wissen Sie, welchen Auftrag Sie als Nächstes bearbeiten sollen?

Wann bestellen Sie Material?

Erfolgt dies für jedes Material auf die gleiche Art und Weise?

Woher wissen Sie, wie viele Anlieferungen/Auslieferungen heute anstehen?

Haben Sie einen Überblick darüber, wie viele Aufträge Sie heute noch bearbeiten müssen?

Wann verbucht das System die Prozessschritte?

Welche Informationen müssen Sie in das System eingeben und auf welche Art und Weise? Zum Beispiel: Scannen, manuelle Eingabe et cetera.

Nicht jede Prozessbegehung wird automatisch zu einem „Muda Walk“. „Muda“ kommt aus dem Japanischen und steht für Verschwendungen, also für Tätigkeiten, die nicht unmittelbar zur Wertschöpfung beitragen. Diese Aktivitäten verbrauchen Ressourcen, ohne einen Mehrwert für den Kunden zu generieren. Dabei wird gemäß der Lean-Philosophie in sieben Verschwendungsarten unterschieden: Transport, Bestände, (überflüssige) Bewegungen, Wartezeit, Überproduktion, Überarbeitung und Fehler. In der heutigen Betrachtung der Verschwendungsarten gibt es eine achte, ganz wesentliche Kategorie, die als ungenutztes Potenzial der Mitarbeitenden bezeichnet wird. Diese Verschwendungsart entsteht durch das Nichtausschöpfen von Ideen sowie ungenutzte Fähigkeiten, Erfahrungen und Kenntnisse der Mitarbeiter.

Um eine Prozessbegehung zu einem Muda Walk werden zu lassen, ist es entscheidend, sich dieser Verschwendungsarten bewusst zu sein und den Blick dafür zu öffnen. In der Abbildung oben rechts sind einige praktische Beispiele aus dem Lager, dem Büro und dem persönlichen Alltag aufgeführt. Diese sowie weitere eigene Beispiele sollte man sich vor Augen führen, um im Rahmen der Prozessbegehung offen für die Identifikation von Verschwendungen zu sein.

 

Verschwendungen identifizieren

Je nach Prozesskomplexität ist es sinnvoll, sich während eines MudaWalks zunächst auf eine oder zwei der Verschwendungsarten zu konzentrieren oder Fokusgruppen zu bilden. Dadurch entstehen unterschiedliche Sichtweisen auf einen Prozess, und die Identifikation von Verschwendungen wird erhöht. Auch die Dauer der Beobachtung einer Tätigkeit hängt von der Komplexität des Prozesses und der Anzahl der beteiligten Personen ab. Dabei sollte man sich die Zeit nehmen, komplexe Tätigkeiten über einen längeren Zeitraum hinweg zu beobachten. Dabei können Logistikverantwortliche in Gedanken die folgenden Leitfragen durchgehen, um Verschwendungen zu identifizieren:

Gibt es im Arbeitsbereich unnötige Arbeitsschritte, die keinen Nutzen haben, aber trotzdem durchgeführt werden?

Gibt es Arbeitsaufgaben, deren Erledigung umständlich/zeitaufwendig ist?

Gibt es Arbeitsaufgaben, bei denen unnötige Bewegungen gemacht werden müssen?

Müssen Mitarbeiter mit ihrer Arbeit darauf warten, bis ein anderer Mitarbeiter fertig ist?

Müssen an einem Arbeitsplatz weite beziehungsweise unnötige Wege zurückgelegt werden?

Ist die Arbeitsauslastung der Mitarbeiter unterschiedlich?

Gibt es Werkzeuge, die nicht in Ordnung oder bedienerfreundlich sind?

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Werden alle Materialien am richtigen Ort bereitgestellt?

Gibt es Teile, die nur schwer oder umständlich aus den Transportbehältern genommen werden können?

Gibt es Lagerorte von Teilen/Materialien, die nicht eindeutig und gut erkennbar gekennzeichnet sind?

Welche Rückschlüsse kann man aus der Geräuschkulisse ziehen? Gibt es Störgeräusche? Klingt das Lager laut oder unregelmäßig?

Verantwortliche für die Intralogistik sollten zudem die Chance nutzen, mit den prozessausführenden Kollegen zu interagieren. Dabei können die Mitarbeiter ihr individuelles Prozessverständnis und ihre Vorgehensweise erläutern und nicht selten bringen sie die wertvollsten Optimierungsvorschläge mit ein. Bei Unklarheiten oder unbekannten Fachbegriffen besteht zudem die Möglichkeit, direkt nachzufragen.

 

Transparenz wird erhöht

Ein MudaWalk bringt in der Regel zahlreiche Optimierungspotenziale zum Vorschein. Mithilfe der anschließenden Verschwendungsdiskussion werden diese Optimierungspotenziale bei einem Workshop zusammengetragen, diskutiert und dokumentiert. Komplexe Prozesse sollten zusätzlich in Form einer Prozessvisualisierung etwa mittels Brownpaper und BPMN-Methode festgehalten werden. Dies führt zu einer erhöhten Transparenz über den Prozessablauf für alle Beteiligten und bietet die Grundlage zur Aufdeckung weiterer, funktionsübergreifender Potenziale.

Auf diese Art und Weise kann der „Spaziergang durch das Lager“ der Startpunkt für eine nachhaltige Prozessoptimierung in der Intralogistik sein. Entscheidend ist, dass sich an die Prozessbegehung auch eine Dokumentation und Analyse der Prozesse und Potenziale sowie die Umsetzung abgeleiteter Maßnahmen anschließen. Hilfestellungen zum Methodeneinsatz kann dabei das Buch „Prozessoptimierung in der Intralogistik – Methoden, Software und KI sinnvoll einsetzen“, welches im März 2024 vom Fraunhofer IML herausgegeben wird, bieten. guk

Autorinnen: Lea Isfort, wissenschaftliche Mitarbeiterin, und Kira Schmeltzpfenning, Abteilungsleiterin, beide Abteilung „Intralogistik und -IT Planung“, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, Dortmund.

Prozessoptimierung in der Intralogistik

Das Buch „Prozessoptimierung in der Intralogistik – Methoden, Software und KI sinnvoll einsetzen“ gibt Lesern einen praxisorientierten Einstieg in das Thema Prozessoptimierung und dient zugleich als Nachschlagewerk und Ideengeber für die Umgestaltung der Intralogistik. Es ist in drei Kapitel unterteilt. Zunächst werden Methoden erläutert, um Prozesse zu strukturieren und zu analysieren. Anschließend werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie Prozesse sich durch gezielten Softwareeinsatz optimieren lassen. Im dritten Kapitel wird ein Blick auf das Thema künstliche Intelligenz und deren Anwendungsbereiche zur Prozessoptimierung in der Intralogistik geworfen. Die theoretischen Inhalte werden nach jedem Kapitel durch Anwendungsbeispiele und Erfolgsgeschichten aus der Praxis veranschaulicht.

Autorin: Lea Isfort

Herausgeber:Kira Schmeltzpfenning, Detlef Spee
HUSS-VERLAG GmbH

176 S., EUR 84,- zzgl. MwSt. und Versand, Artikel-Nr.22645

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Artikel Muda Walk: Im Spaziergang zur effizienteren Intralogistik
Seite 62 bis 63 | Rubrik PROGNOSEN