E-Commerce-Logistik: Grün für den Onlinehandel

E-Commerce und Nachhaltigkeit gelten als aktuelle Megatrends, aber bisweilen auch als Gegensätze. Dass der Widerspruch nur ein vermeintlicher ist, wollte ein digitales LOGISTIK HEUTE-Forum zum Thema belegen.

Nachhaltigkeit wird im Onlinehandel zunehmend von Konsumentenseite eingefordert. Bild: stockpics/AdobeStock
Nachhaltigkeit wird im Onlinehandel zunehmend von Konsumentenseite eingefordert. Bild: stockpics/AdobeStock
Redaktion (allg.)
FORUM

Mit dem E-Commerce und der Nachhaltigkeit nahm am 3. Mai ein digitales LOGISTIK HEUTE-Forum zwei Megatrends in den Fokus: Wie Moderatorin und LOGISTIK HEUTE-Redakteurin Sandra Lehmann in ihrer Einführung bemerkte, hat sich im Zuge der Coronapandemie der Onlinehandel als Alternative zum stationären Retail auch bei zuvor wenig onlineaffinen Käuferschichten etabliert. Zugleich verlangen Konsumenten mittlerweile nach nachhaltigen Alternativen, was die Produktauswahl oder den Versandmodus angeht. „Der nachhaltige Shopper ist eher weiblich, etwa 50 Jahre alt, hat ein hohes Einkommen, wohnt urban, ist verheiratet und bestellt rund 3,9 Pakete pro Monat“, fasste Lehmann die Ergebnisse des „E-Shopper Barometers“ der DPD Group zusammen.

Erwartungen wachsen

Die beiden dominanten Trends werden jedoch oft als Gegensatz gesehen. Unter dem Motto „Grüner E-Commerce: Nachhaltigkeit und Wachstum in Einklang bringen“ diskutierten dazu auf dem LOGISTIK HEUTE-Fachforum Fachleute aus Wirtschaft, Beratung und Logistik. Vorträge und eine Gruppendiskussion erkundeten, welche Maßnahmen Händler bereits heute ergreifen, um umweltfreundlicher zu versenden und gleichzeitig wachsende Kundenanforderungen sowie ein stetig wachsendes Bestellvolumen zu meistern.

„Nachhaltigkeit und E-Commerce – Wie vereint man vermeintlich gegenläufige Elemente smart und mit einem hohen Kundennutzen?“, warf etwa Dr. Stefan Fraude, Head of Category Management Europe Digitec Galaxus, zum Einstieg seines Vortrags als Frage auf. Er gab einen Einblick auf die internen und kundenorientierten Nachhaltigkeitsmaßnahmen bei dem Schweizer Onlinehändler. „Mehr als 98 Prozent der Umweltauswirkungen eines Retailers liegen außerhalb seiner direkten Kontrolle“, so Fraude. Vor diesem Hintergrund helfe nur ein holistischer Ansatz, der beispielsweise auch die Nutzung von Tools durch Kunden vorsehe. Auf der Plattform von Galaxus wird bei der Produktauswahl so ein Filtersystem „Nachhaltigkeit“ angeboten, Kunden können durch die Bestellung entstandene CO2-Emissionen kompensieren. Eine Resale-Plattform für Nutzer bietet für Galaxus zudem den Vorteil der erhöhten Profitabilität – schließlich fallen sowohl beim Erst- als auch beim Wiederverkauf Margen an.

Bei Marco Prüglmeier, Gründer und CTO/CEO von Noyes Technologies, stand die „Urbane Logistik der Zukunft“ im Fokus. Zunächst nahm er die Teilnehmer jedoch mit auf eine Zeitreise zu logistischen Meilensteinen der Vergangenheit – demnach ermöglichten etwa erst der 1917 erfundene Gabelstapler und die Popularisierung der Palette die heute übliche Lagerung in Hochregalen. Heute sieht Prüglmeier disruptives Potenzial in verschiedenen Spielarten von Robotern und dabei speziell in der Zustellung per Drohne. „Der Trend zu urbaner Logistik und dem Q-Commerce, also der Sofortzustellung, bietet neue Möglichkeiten für Automatisierung und Robotics“, sagte Prüglmeier. Noyes entwickelt etwa Ware-zu-Mann-Systeme für dezentrale, urbane Micro-Hubs. „Diese müssen aus jedem Winkel ansteuerbar sein – und wenn man sie mit der Gastronomie kombiniert, können so dezentrale Nachbarschaftshubs entstehen“, so Prüglmeier.

Die vermeintlichen Gegensätze Nachhaltigkeit und E-Commerce umkreiste im Anschluss die Diskussionsrunde. Nachhaltigkeit wird, wie sich herausstellte, von allen Kunden gefordert – beim Softwarespezialisten ebenso wie bei Beratern, Planern oder Automatisierungsspezialisten. „90 Prozent unserer Kunden finden Nachhaltigkeit wichtig und sind bereit, für besonders nachhaltige Lösungen mehr zu bezahlen. Über die richtigen Hebel herrscht jedoch noch Uneinigkeit“, argumentierte etwa Rüdiger Stauch, Head of Sales bei PSI Logistics. „Das Thema ist oft noch die Transparenz, die es zum Nachweis von Nachhaltigkeit braucht“, weiß Karina Lück, Senior Manager, Prokurist & Part of Leadership Team bei PwC Management Consulting Operations. Sie empfiehlt für den niedrigschwelligen Einstieg in das Thema, Retouren weitgehend papierlos zu gestalten oder umweltfreundlichere Verpackungen zu nutzen.

„Man muss stark in Technik investieren, um in Sachen Nachhaltigkeit weiterzukommen“, sagte Friedrich-Wilhelm Düsing, Geschäftsführender Gesellschafter der Metroplan Engineering GmbH. So schlage sich der Umschwung von komplexer Lagertechnik hin zu flexiblen Robotern in der Energiebilanz nieder. Besonders große innerbetriebliche Energiefresser seien Kühlhäuser. Hier sei es geboten, mit möglichst wenig Fläche auszukommen. Musa Cigdem, Head of Sales, Customer Service and Marketing bei AM Logistic Solutions, empfiehlt, Mitarbeiter stark in seine jeweiligen Nachhaltigkeitsprojekte einzubinden: „Nur wenn die Mitarbeiter ihre Perspektive in den Änderungsprozess einbringen können, tragen sie ihn mit“, erläuterte Cigdem in der Diskussionsrunde.

Wer engagiert sich wirklich?

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In seinem Vortrag „Logistik-Fulfillment unter Nachhaltigkeitsaspekten“ stellte Friedrich-Wilhelm Düsing von Metroplan eine Methodik für die Auswahl von externen Fulfillment-Anbietern vor. „Zu den klassischen Kriterien Finanzen, Managementkompetenzen, Leistung/Qualität sowie Referenzen ist mittlerweile Nachhaltigkeit als fünftes Kriterium hinzugekommen“, erklärte Düsing. Doch wie lässt sich diese nachweisen? Düsing hat sieben Unterpunkte des Aspekts ausgemacht, die es zu gewichten gilt. Sie müssen laut dem Experten jeweils quantifizierbar und nachweisbar sein: Es gehe um Nachhaltigkeitsberichte, -ziele, Normen und Zertifikate, Nachhaltigkeitsratings, Auszeichnungen, Mitgliedschaften in einschlägigen Organisationen und feste Ansprechpartner.

Zum Abschluss des Forums gab Musa Cigdem von AM Logistic Solutions Einblicke in typische Herausforderungen des Onlinehandels und beschrieb, wie sich diese über Lagerautomatisierung und eine optimierte Auftragsabwicklung adressieren lassen. Cigdem setzt dabei auf eine Kombination aus Lagertechnik und Robotik: Unter der Überschrift „RiCO-bot als Kommissionierer und Versandprofi – wie AutoStore noch automatischer arbeitet“, stellte er die Abläufe in einem bereits stark automatisierten Lager vor, bei dem noch zwei Prozesse blieben, die manuell erledigt werden: die Ein- und Auslagerung sowie die Pufferlagerung fertiger Versandaufträge. Durch die Integration des Pickroboters „RiCO-bot“ ließen sich auch diese Vorgänge noch automatisieren. „Durch eine integrierte 3D-Kamera und KI-Funktionen kann der Roboter in sehr kurzer Zeit eingelernt werden“, fasste Cigdem zusammen.

Therese Meitinger

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Artikel E-Commerce-Logistik: Grün für den Onlinehandel
Seite 62 bis 63 | Rubrik PROGNOSEN