E-Commerce-Logistik: Fit für die BANI-Welt

Ein gebremstes Konsumklima und anspruchsvolle Kunden stellen Akteure in E-Commerce und Omnichannel vor Herausforderungen. Wie man trotzdem „Fit für alle Kanäle wird“, untersuchte das LOGISTIK HEUTE-Forum E-Commerce in Heusenstamm.

 Bild: Hendrikje Rother
Bild: Hendrikje Rother
Therese Meitinger
Forum

Steigende Energiepreise und eine anhaltende Inflation lassen das Konsumklima einbrechen, zugleich ist der Endkunde ein hohes Servicelevel gewohnt. Oder anders gesagt: Die Zeiten für E-Commerce-Anbieter und Omnichannel waren schon einmal rosiger. „Zum ersten Mal seit Langem geht es nicht mehr nur nach oben. Aber ist die Krise immer nur etwas Schlechtes?“, fasste Moderatorin und LOGISTIK HEUTE-Redakteurin Sandra Lehmann das Stimmungsbild zu Beginn des LOGISTIK HEUTE-Forums E-Commerce zusammen. Rund 40 Teilnehmer waren am 11. Juli ins hessische Heusenstamm zu Gastgeber Dematic gekommen, um sich mit Lösungen für die drängenden Herausforderungen zu beschäftigen. Unter dem Motto „Logistik für den E-Commerce: Fit für alle Kanäle“ standen ausgewählte Expertenvorträge, eine Podiumsdiskussion und eine Besichtigung der Tech und Imagination Center des Intralogistikanbieters auf dem Programm.

Mehr Kooperation gefragt

„Die Logistik wird immer wichtiger“, unterstrich Prof. Dr. Christoph Tripp von der Fakultät Betriebswirtschaft der Technischen Hochschule Nürnberg zu Beginn seines Vortrags. Er arbeitete „Trends und Exzellenz in der E-Commerce-Logistik“ heraus und prognostizierte mit fünf zentralen Thesen die Gemengelage, der sich Akteure in dem Feld gegenübersehen können. Außerdem sprach er einige Handlungsempfehlungen aus. Anstelle des bekannten VUCA-Szenarios sieht Tripp künftig eine noch prekärere BANI-Welt, die von den Begriffen „brittle“ (zerbrechlich), „anxious“ (besorgt), „non-linear“ (nicht-linear) und „incomprehensible“ (unverständlich) geprägt ist. Bezogen auf den E-Commerce konkretisiert sich diese zum Beispiel in illoyalen, aber erwartungsfreudigen Endnutzern. „Um dieser Herausforderung gewachsen zu sein, braucht es dringend noch mehr Kooperation aller Akteure statt Egoismus und Selbstoptimierung“, so Tripp.

Eine „Durchdachte Logistik-Schaltzentrale für den modernen E-Commerce“ stellten Julia Mayer, Senior Account Managerin von Netz98, und Florian Walz, Senior Manager IT Infrastructure & Application, Business Solutions & IT-Systeme der Meyer Quick Service Logistics, vor. Gemeinsam haben der Full-Service-Anbieter für die Systemgastronomie und die IT-Beratung eine neue Bestellplattform für zu Beginn 700 Burger-King-Filialen entwickelt. „Bei der Konzeptentwicklung sind wir vorgegangen wie beim Einlernen eines neuen Mitarbeiters“, schilderte Mayer den Prozess. Peu à peu wurden Schnittstellen, ein bedienungsfreundlicher Bestellworkflow, aber auch Funktionalitäten wie ein Tourenplanungssystem und Security definiert. Wichtige Stellschraube dabei: „Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass das System mandantenfähig ist und es später auch anderen Systemgastronomen angeboten“, sagte Walz. Nach dem Go-live 2014 kommt es mittlerweile auch bei KFC, Eat Happy oder Hans im Glück zum Einsatz.

Wie kann E-Commerce in einer BANI-Welt funktionieren? Fragen wie diesen widmete sich eine Podiumsdiskussion, die Sandra Lehmann moderierte. „IT-seitig hilft es oft schon, bestehende Features zielgerichtet zu nutzen“, zeigte sich Rüdiger Stauch, Head of Sales des Softwareanbieters PSI Logistics, überzeugt. Er geht davon aus, dass die Prognosethematik künftig noch an Bedeutung gewinnen wird. „Kunden sollten zum einen Puffer einbauen, wenn sie neue Logistikkonzepte aufsetzen, zugleich aber auf multifunktionsfähige Ansätze achten“, sagte Winnie Ahrens, Sales Director DACH Dematic, in der Diskussionsrunde. Auch Automatisierung sollte Ahrens zufolge in Zeiten des Fachkräftemangels immer Teil der Lösung sein.

Wild, jung und ambitious

„Man muss immer mehr in Business Cases denken und flexible Elemente wie zu erwartende Preissteigerungen von Anfang an einkalkulieren“, argumentierte Friedrich-Wilhelm Düsing, Geschäftsführer des Beratungs- und Planungsunternehmens Metroplan. Dies gelte es auch Kunden gegenüber von Beginn an transparent zu kommunizieren. Christoph Tripp von der TH Nürnberg unterstrich erneut den Stellenwert der Kooperation. Man müsse das Betrachtungsfeld für Partnerschaften ausweiten – beispielsweise in Richtung Start-ups. „Wir setzen bei der Rekrutierung auf A-Player, die wild, jung und ambitious sind“, beschrieb Daniel Wurzel, Head of Operational Excellence bei Emma – The Sleep Company, wie das Unternehmen Fachkräfte gewinnen möchte. Man lege keinen großen Wert auf Erfahrung, dafür viel auf Skills und Attitude – und adressiere so eine spezielle Rekrutierungszielgruppe.

Logistik von der Stange statt eines Maßanzugs stellten Martin Dobelmann, Head of IT Business Unit Fashion & Lifestyle, und Julius Wegmann, Head of Fiege Now, beide Fiege Logistik Stiftung, vor. Sie gaben Einblicke in die Entwicklung eines Plug-and-Play Fulfillment Models. „Unsere klassischen Zielkunden im E-Commerce Fulfillment sind Enterprise-Kunden mit einem Ordervolumen von mehr als 250.000 Orders pro Jahr“, beschrieb Martin Dobelmann. Für diese erwiesen sich kundenindividuelle Modelle aufgrund des langen Zeithorizonts als wenig gangbar. Im Projekt „LogShark“ wurde ein Blueprint – ein Standardsystem – definiert, der eine kürzere Time-to-Market in der Kontraktlogistik erlaubt. „Aus dem System haben wir im zweiten Schritt ein Produkt entwickelt“, so Julius Wegmann. Der Service „FIEGE Now“ positioniert sich mit einheitlichen Vertragsdokumenten und effizienten Onboarding-Prozessen sowie Kommunikationswegen nun zwischen klassischer Kontraktlogistik und Dienstleistern aus dem Start-up-Umfeld.

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Wie stellt man die E-Commerce-Logistik für eine starke Skalierung auf? Der 2015 gegründete Matratzenanbieter Emma – The Sleep Company sah sich in den vergangenen Jahren einem rasanten Wachstum gegenüber, bewegt sich aktuell knapp unter einer Milliarde Euro Umsatz. „Wir sind auf 33 Märkten präsent, das bedeutet viele Einzelprozesse und Gefrickel“, erläuterte Daniel Wurzel. Hinzukommen besonders kostenintensive Prozesse wie die Reverse-Logistik von Matratzen, die in der Regel ein Zwei-Mann-Handling voraussetzt.

IT-Architektur als Enabler

Gemeinsam mit der Beratung Infront Consulting & Management entwickelte Emma so schlanke Prozesse, technologische Ansätze und ein schlankes Network-Design. „Um die IT-Architektur zum Enabler für Wachstum zu machen, entschied sich Emma für einen Best-of-Breed-Ansatz“, beschrieb Dr. Joachim Getto, Partner for Digital Transformation of the Supply Chain bei Infront. So sind alle 70 bis 80 Shipping Locations über eine standardisierte Cloud-Plattform integriert – und werden zu standardisierten Prozessen in ihren Warehouses verpflichtet.

Zum Abschluss der Veranstaltung stellte Lothar Preis, Geschäftsführer von Xpack Green Logistics, die Mehrwegverpackungen im E-Commerce in den Fokus. Ein Thema, mit dem sich seiner Ansicht nach alle Akteure in diesem Feld auseinandersetzen müssen: „Kartonagen werden in den nächsten Jahren immer teurer werden, zugleich plant die EU bis 2030 eine verpflichtende Mehrwegverpackungsquote von 20 Prozent“, so Preis. Er stellte verschiedene Modelle für entsprechende Verpackungen vor und unterstrich die Notwendigkeit, Anwender für den Einsatz zu motivieren – etwa über Pfand- oder „Pay-per-Use“-Leihsysteme. Auch dem Datenhandling komme bei der Einführung eine entscheidende Bedeutung zu.

Aus Heusenstamm berichtet Therese Meitinger.

Technik zum Begehen

Eine Führung durch das Dematic Tech Center und das Dematic Imagination Center zählte zu den besonderen Highlights des LOGISTIK HEUTE-Forums E-Commerce: „Während im Imagination Center die konzeptionelle Auseinandersetzung mit Kundenanforderungen im Vordergrund steht, geht es im Tech Center um das Ausprobieren konkreter Maschinen“, erläuterte Sebastian Ahl, Marketing Manager DACH & Benelux.

Er führte in die Geschichte und Fokusthemen von Dematic ein, während seine Kollegen Stefan Sitzmann, Leiter des Dematic Tech Centers, und Stefan Helmke, Tech Center Manager, Research & Development, unterschiedliche Intralogistiklösungen für Behälter und Paletten präsentierten: Die Bandbreite reichte dabei von Fördertechnik und Regalbediengeräten über Gabelstapler, AGVs und Sorter bis hin zu Overhead-Taschensystemen.

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Seite 54 bis 55 | Rubrik PROGNOSEN