Logistikforschung: Mehr als Pulli & Co.

Das Center Textillogistik hat es sich zur Aufgabe gemacht, erster Anlaufpunkt für logistische Fragestellungen rund um Bekleidung und Textiles zu sein. Warum es dabei nicht nur um Fashion geht.

In Mönchengladbach vereinen sich Tradition und Moderne: wie am Sitz des Fachbereichs Textil- und Bekleidungstechnik der Hochschule Niederrhein. Bild: Carlos Albuquerque/ pixel&korn
In Mönchengladbach vereinen sich Tradition und Moderne: wie am Sitz des Fachbereichs Textil- und Bekleidungstechnik der Hochschule Niederrhein. Bild: Carlos Albuquerque/ pixel&korn
Sandra Lehmann
Textilien

Im vergangenen Jahr wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge Textilien und Bekleidung im Wert von 59,2 Milliarden Euro nach Deutschland importiert. Das deutsche Exportvolumen für den gesamten Textilbereich lag im selben Zeitraum bei 38,7 Milliarden Euro. Das zeigt, dass ohne Logistik in diesem Sektor so gut wie nichts funktioniert. „Logistische Abwicklung und störungsfreie Lieferketten sind vor allem für unsere Branche essenziell, da insbesondere im Bereich Bekleidung viel Ware aus Asien und anderen Teilen der Welt kommt. Und das schönste Fashion Piece nützt nichts, wenn es letztlich nie beim Konsumenten landet“, erläutert Prof. Dr. Markus Muschkiet, Leiter des Centers Textillogistik CTL in Mönchengladbach, im Gespräch mit LOGISTIK HEUTE.

Aber nicht nur Mode steht beim CTL im Mittelpunkt der Forschungsaktivitäten, auch Textilien für industrielle Anwendungen, Arbeitsbekleidung, Schutzausrüstung sowie Ladungssicherung für den Logistikbereich stehen auf der Agenda des Instituts. Aus gutem Grund, wie Muschkiet erklärt. „Das Textilgeschäft in Deutschland bezieht sich zu einem großen Teil auf diesen Bereich – daher rührt auch die Exportquote. Denn was die Produktion dieser textilen Erzeugnisse betrifft, ist Deutschland ein wichtiger Produktionsstandort. Allerdings ist das für Außenstehende so nicht erkennbar. Konsumenten assoziieren mit Textilien in erster Linie die Fashionindustrie. Dabei kommen zwei Drittel des Geschäfts in der Bundesrepublik aus dem industriellen und logistischen Bereich“, so Muschkiet. Beispiele dafür sind etwa hochwertige Sicherheitsnetze, die in Logistik- und Paketzentren eingesetzt werden, um vor herabfallenden Sendungen zu schützen, oder textile persönliche Schutzausrüstung.

Logistik als Faktor

Entsprechend lautet das Motto des CTL „Logistik für Textilien und Textilien für die Logistik“. Ein Leitmotiv, das unmittelbar mit der Gründung des CTL im Jahr 2017 verknüpft ist. „Die Hochschule Niederrhein, die Mitbegründer des CTL ist, hat bereits zuvor erkannt, dass Logistik in vielen Disziplinen ein immer größerer Faktor wird und deshalb in allen Fachbereichen Professuren für Logistik und Supply Chain Management geschaffen. Daraus entstand letztlich die Idee, ein eigenes Forschungszentrum für den Bereich Textillogistik aufzubauen“, sagt der Wissenschaftler. Als Partner holte man das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML mit ins Boot.

„Die Expertise für den Textilbereich kommt von der HS Niederrhein in Mönchengladbach, die Logistikexpertise vom IML in Dortmund. Es ist also eine Win-win-Situation für alle Beteiligten“, erläutert Natalie Fohrer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am CTL. „Widmen wir uns beispielsweise Themenbereichen, für die bestimmte Maschinen zur Textilherstellung notwendig sind, können wir auf das Equipment der Hochschule zurückgreifen. Geht es mehr um Logistik, stehen uns die Kollegen des IML mit Rat und Tat zur Seite“, so Fohrer weiter.

Markus Muschkiet, der unter anderem als Logistikmanager für Zalando tätig war und Experte für beide Themengebiete ist, fungiert in diesem Joint Venture als Koordinator für alle Beteiligten. „Ziel der Gründung war es vor allem, das Fachwissen aus beiden Wirtschaftszweigen zu bündeln und basierend darauf spezifisches Know-how für Unternehmen der Textilbranche anbieten zu können“, sagt Muschkiet, der an der Hochschule Niederrhein die Professur für Textillogistik innehat und ebenfalls am Fraunhofer IML angestellt ist.

Vorteile für Unternehmen

Insbesondere bei aktuellen Herausforderungen rund um die Themen Nachhaltigkeit und Innovationsmanagement soll Marktteilnehmern dies zum Vorteil gereichen. „Vor allem im Fashionbereich ist der Nachholbedarf in Sachen ressourcenschonende Lösungen sehr groß. Das liegt unter anderem daran, dass dieser Sektor sehr stark im Fokus der Öffentlichkeit steht und im Zuge bestimmter regulatorischer Entwicklungen wie des European Green Deals der Druck zu handeln wächst“, erläutert Muschkiet. Luft nach oben, so die wissenschaftliche Mitarbeiterin Natalie Fohrer, gebe es in erster Linie bei der Sammlung und Auswertung von Daten. „Hier sind die Lücken bei deutschen Unternehmen der Bekleidungsindustrie noch recht groß. Da möchten wir natürlich mit unserer Expertise ansetzen und unterstützen.“

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Dementsprechend drehen sich zwei Drittel der aktuellen Forschungsvorhaben am CTL, das auf rund zehn Mitarbeiter zurückgreifen kann, um das Thema Nachhaltigkeit. So sucht das Team der HS Niederrhein und des Fraunhofer IML etwa im Rahmen des Projekts „RE3Tex – Strukturelle Veränderungen für zirkuläres Wirtschaften in der Textil- und Bekleidungsindustrie am Beispiel einer modellhaften Umsetzung“ nach Lösungen, um die Kreislauffähigkeit von Bekleidung durch Reparatur, Wiederverwendung und Recycling sowie durch die Einbindung der passenden Datenbasis zu erhöhen. Darüber hinaus widmet sich das CTL Initiativen für eine nachhaltigere letzte Meile sowie ressourcenschonende Onlineverpackungen. Im Bereich der Industrietextilien geht man in Dortmund und Mönchengladbach mit Partnern aus der Wirtschaft momentan auf die Suche nach innovativen Materialien für die Ladungssicherung.

Ist es bei Projekten im Bereich logistischer Textilien vergleichsweise einfach, Kooperationspartner aus der Industrie zu gewinnen, gestaltet sich dies im Modesektor herausfordernder, wie Muschkiet sagt. Dies sei auch der aktuellen wirtschaftlichen Lage geschuldet. „Viele Unternehmen aus der Fashionindustrie haben mit den geopolitischen Verwerfungen unserer Zeit und den damit einhergehenden Auswirkungen zu kämpfen. Es ist nicht immer einfach, in solchen Situationen Ressourcen und Zeit für Forschungsprojekte freizuschaufeln. Auch wenn gleichzeitig der Handlungsdruck hin zu mehr Nachhaltigkeit wächst.“ Dennoch sei der Wille, sich Zukunftsthemen zu widmen, bei vielen Unternehmen durchaus gegeben, wie Fohrer betont. „Es gibt etliche Beispiele, die zeigen, dass Marktteilnehmer ernsthaft an Lösungen interessiert und auch bereit sind darin zu investieren. Und letztlich ist es ja das, was aktuell noch ein bisschen zu kurz kommt beim Thema Nachhaltigkeit: dass wir nicht nur reden und planen, sondern vor allem machen. Und es muss nicht immer gleich der große Wurf sein. Auch kleine sind ein wichtiger Anfang“, so die Forscherin.

An diesem Vorgehen orientiert sich das CTL selbst, wenn es um die eigene Weiterentwicklung geht. „Wir streben aktuell keine allumfassende grüne Lösung für jedes Problem an. Vielmehr ist es uns wichtig, uns stets weiterzuentwickeln und dadurch Mehrwert für die Textil- und Bekleidungsbranche zu liefern. Perspektivisch möchten wir in Deutschland – und vielleicht auch mal in Europa – die erste Anlaufstelle für textile Logistik und Logistik für Textilien sein“, sagt Muschkiet.

Sandra Lehmann

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