Logistikforschung: Picken von der Pike auf

Die Hochschule Bremerhaven wirbt mit ihrem maritimen Flair und aus allen Teilen Deutschlands kommen Studenten hierher, um sich an der „Hochschule am Meer“ zum Bachelor oder Master zu qualifizieren. Auch angehende Logistikexperten zieht es in die Hafenstadt.

Maritimes Flair: Der Campus der Hochschule Bremerhaven liegt unweit der Wesermündung. Bild: Kai Martin Ullrich
Maritimes Flair: Der Campus der Hochschule Bremerhaven liegt unweit der Wesermündung. Bild: Kai Martin Ullrich
Matthias Pieringer
Studium

Als Automobil-Umschlagplatz von Weltformat zählt Bremerhaven zu den führenden Logistikstandorten in Deutschland. Neben dem Hafen gehören zum Beispiel Mercedes in Bremen oder der Seehafen- und Logistikdienstleister BLG Logistics zu den zahlreichen potenziellen Arbeitgebern vor Ort und in der Nähe. 3.000 junge Menschen studieren an der „Hochschule am Meer“, wie sich die Hochschule Bremerhaven selbst bezeichnet. Aktuell sind 150 Studenten im Bachelorstudiengang „Transportwesen/Logistik“ (TWL) eingeschrieben, 35 absolvieren einen Master in „Logistics Engineering and Management“ (LEM).

„Die Masterabsolventen sind bereits für Führungspositionen qualifiziert beziehungsweise können unter anderem auch eine Position in der Lagerleitung übernehmen“, sagt Prof. Dr. Henning Strubelt, der seit April 2020 an der Hochschule Bremerhaven lehrt. Zwar kann der gebürtige Bremerhavener vom Fenster aus die Möwen kreischen hören, aber sein Forschungsgebiet hat keinen maritimen Bezug. Der Fokus des Professors für Lagerplanung, Lagertechnik und Lagerorganisation liegt auf den Prozessen im Lager. Wie sich diese automatisieren lassen, bringt er seinen Bachelorstudenten im vierten und fünften Semester auch ganz praktisch nahe, indem er ihnen einen leeren Laborraum überlässt, den die Studierenden erst einmal in ein funktionierendes Lager verwandeln müssen.

Von der Theorie zur Praxis

Im Labor für Lagerlogistik müssen die Studenten die in den Vorlesungen vorgestellten Theorien in die Praxis umsetzen. Sie sollen einen 40 Quadratmeter großen Laborraum mit mobilen Regalen, KLT und Ware so bestücken, dass die Ware möglichst schnell ein- und ausgelagert werden kann – und das im ersten Schritt ganz klassisch ohne jegliche Technologie. Gepickt wird von Hand mit „Papierzetteln“. Erst danach werden nach und nach verschiedene Kommissioniersysteme eingeführt – wie zum Beispiel „Pick-by-Light“.

Strubelt: „Hauptsächlich geht es darum, dass die Studierenden verstehen lernen, was das Lagersystem leisten soll. Gerade das gelingt ihnen nicht gleich auf Anhieb. Es ist wirklich spannend, die Studierenden dabei zu beobachten, wie sie langsam merken, welche Anforderungen sie noch formulieren müssten, damit so ein System funktioniert.“ Fragen, die während der Laborübung auftauchen, sind: Wie bestätige ich die Entnahme des Artikels? Wie teile ich dem System mit, wenn nicht genügend Artikel in dem Behälter waren? Oder: Wie mache ich eine Fehlermeldung? „Das klingt banal, ist es aber nicht. Fehlermeldungen werden zu Anfang niemals bedacht und dann stehen die Studierenden da und sagen: ‚Oh ja, haben wir vergessen!‘“, berichtet der Leiter des Logistiklabors.

Nach zwei Semestern und 90 Minuten Lagerübung pro Woche können die Studenten die Frage beantworten, welche Technologien es braucht, um die gestellten Anforderungen zu bewältigen. Und sie sollen am Ende ausrechnen können, wie viele Arbeitskräfte und technische Geräte benötigt werden, um den geforderten Durchsatz zu erreichen. Aktuell plant Strubelt mit seinen Studenten, eine neue Art von Pick-by-Light-System zu testen. Das System von Logistic Lights ist zentral an der Decke installiert. Eine Art Discokugel leuchtet von dort aus die Position an, wo der Picker hingehen und die Ware entnehmen soll. „Ich bin ganz gespannt darauf, das auszuprobieren“, so Strubelt.

2021 haben drei Professoren ihrer Forschung an der Hochschule Bremerhaven „einen Rahmen gegeben“ und das Smart Mobility Institute (SMI) gegründet. Dieses finanziert sich rein durch Drittmittel. „Je nach Fördersumme pendelt die Mitarbeiterzahl bei solchen Projekten zwischen neun und 18 Mitarbeitern“, sagt Prof. Dr. Benjamin Wagner vom Berg, der das SMI leitet und zusammen mit seinen Kollegen, Prof. Dr. Miriam O’Shea und Prof. Dr. Uwe Arens, die Forschungsprojekte zur smarten Logistik auf den Weg bringt. Ein Projekt befindet sich auf der Zielgeraden und eines steht gerade in den Startlöchern.

Nach eineinhalb Jahren Projektlaufzeit wird das Projekt mit Namen „sH2unter@ports“ Ende Mai abgeschlossen. Untersucht wurde, inwiefern sich der Rangierbetrieb im Hafen auf Wasserstofftechnologie umstellen lässt. „Da sich Rangierloks – speziell auch im Hafenkontext – nicht rein durch Oberleitungen elektrifizieren lassen, wurden unterschiedliche Antriebssysteme untersucht, um perspektivisch einen CO2-neutralen Hafenbetrieb zu erreichen“, erläutert Wagner vom Berg. Bei dem Forschungsprojekt kooperiert die Hochschule Bremerhaven mit BremenPorts, der Hamburg Port Authority, dem Institut für Energie und Kreislaufwirtschaft der Hochschule Bremen, der Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser und Alstom, einem der größten Zughersteller in Europa.

Werbeinblendung:
Advertorial

Effizient mit KI: So optimieren Unternehmen ihr Bestandsmanagement

Diese Vorteile bringt ein automatisiertes Logistiksystem mit Containern, Robotik und KI

Das Projekt wurde im Rahmen des Nationalen Innovationsprogramms Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie durch das Bundesministerium für Digitales und Verkehr mit 1,2 Millionen Euro gefördert. Ergebnisse werden offiziell im August im Rahmen einer Veranstaltung im Hamburger Hafen vorgestellt. Was Wagner vom Berg schon verraten darf: „Grundsätzlich kann man sagen, dass die Bedarfe – die durchaus komplex sind – mit den neuen Antriebstechnologien erfüllt werden können. Und Alstom hat ein großes Interesse daran, seine Rangierloks mit der Wasserstofftechnologie auszustatten.“

Für die letzte Meile

Ein großes Projekt zum Thema „Last-Mile-Logistik“ wird ebenfalls vom Bundesverkehrsministerium gefördert und steht jetzt in den Startlöchern. Wagner vom Berg: „Wir warten gerade auf den Zuwendungsbescheid für das Projekt GDA, das am 1. Juni starten soll. Dahingehend wird gerade alles geplant.“ GDA steht für „Green Delivery Analytics“. „Wir schließen mit dem Projekt an frühere Projekte an und arbeiten mit dem Partner RytleX zusammen, der eine Plattform zur Verfügung stellt, um das Design für eine klimafreundliche Zustellung auf der letzten Meile für eine beliebige Stadt datenbasiert zu generieren“, so der Leiter des SMI.

Wird das Open-Data-Projekt GDA wie geplant gefördert, werden bei dem Projekt sechs wissenschaftliche Mitarbeiter und neun studentische Hilfskräfte mitforschen. „Ich nutze die Forschungsprojekte auch immer sehr stark in der Lehre. Über Hausarbeiten und Abschlussarbeiten werden Beiträge zu den Forschungsvorhaben generiert und sowohl die Bachelorstudenten TWL als auch die Masterstudierenden LEM lernen dabei das wissenschaftliche Arbeiten“, erklärt BenjaminWagner vom Berg.Ein Novum gäbe es auch: Ein Masterstudent wird im Rahmen dieses Projekts seine Doktorarbeit schreiben. mp

Autorin: Susanne Frank, freie Autorin, München.

◂ Heft-Navigation ▸

Artikel Logistikforschung: Picken von der Pike auf
Seite 22 bis 23 | Rubrik PROFILE