Studium: Den Logistikalltag simulieren

An der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen schlüpfen Masterstudenten in die Rolle von Supply Chain Managern. Handlungsorientierte Lehrmethoden trainieren die Fähigkeit, agil zu bleiben und sich im harten Logistikalltag zu bewähren.

Ein neues Hochschulgebäude befindet sich noch im Bau und soll zum Sommersemester 2024 bezugsfertig sein. Der Schriftzug „Es wird“ ist Kunst am Bau und bereits installiert. Bild: Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen
Ein neues Hochschulgebäude befindet sich noch im Bau und soll zum Sommersemester 2024 bezugsfertig sein. Der Schriftzug „Es wird“ ist Kunst am Bau und bereits installiert. Bild: Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen
Matthias Pieringer
SCM

Wer am Campus der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen (HWG LU) das B-Gebäude betritt und direkt im Erdgeschoss die Tür zum Seminarraum B005 öffnet, ist vielleicht etwas überrascht: Hier findet eine Prüfung statt. Aber es herrscht kein konzentriertes Schweigen, während die Studenten über den Klausurfragen brüten, sondern man wird Zeuge eines authentischen Rollenspiels im Rahmen der Vorlesung „Tender Management und Outsourcing“. Zwei Masterstudenten, Professor Dr. Stefan Iskan und ein Manager eines internationalen Logistikkonzerns sitzen mit dem gesamten Kurs in U-Form in einer simulierten Meetingraum-Umgebung.

Echte Stresssituationen

Im „Zuschauerraum“ verfolgen ein Dutzend Kommilitonen aufmerksam die rund 90-minütige Verhandlungsrunde auf Englisch, bei der das Beschaffungslogistik-Konzept für einen Automobilhersteller verhandelt wird. Iskan schlüpft dabei in die Rolle des verantwortlichen Einkäufers für Logistikdienstleistungen bei einem Automobilkonzern (OEM), der Chief Operating Officer des Logistikkonzerns spielt den Supply-Chain-Direktor des OEM und die Prüflinge übernehmen die Rolle des Global KeyAccountManagers und Chief Commercial Officers eines auf die Automotive-Industrie spezialisierten Logistikdienstleisters.

Im geschützten Seminarraum trainieren die Studierenden also eine Situation, mit der sie konfrontiert werden, wenn sie später einmal aufseiten von Industrie, Handel oder Logistikdienstleistung arbeiten. Zwar sind die Konzepte, die die angehenden Master of Logistik hier verhandeln, nicht Bestandteil echter Verträge, aber die Performance als Team und das Konzept samt Argumentation während dieser Prüfung werden in die Abschlussnote einfließen. Eine simulierte Verhandlung, aber eine echte Stresssituation!

Wer an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen zu einem Masterstudiengang Logistik zugelassen wird, der muss sich darauf einstellen, dass er oder sie sich bei einer solchen fiktiven Ausschreibungsverhandlung bewähren muss – auf Deutsch und auf Englisch. „In den Rollenspielen sind die Studierenden stark gefordert, manchmal sogar überfordert, weil sie ihr ganzes bisheriges Wissen, das sie während ihres Studiums gesammelt haben, ad hoc abrufen müssen“, erläutert Stefan Iskan, der seit zehn Jahren an der HGW LU lehrt. Und fügt hinzu: „Ich möchte wissen, wie die Studierenden mit Druck umgehen und ob sie in der Lage sind, zwischen der ‚Topmanagement-Flugebene‘ und der operativen Ebene zu navigieren.“ So mancher Absolvent sei später dankbar, durch diese „harte Bewährungsprobe“ gegangen zu sein. „Der Lerneffekt ist sehr groß. Die Studierenden erhalten die Chance, mehr über sich zu erfahren, auch darüber, in welcher Rolle sie später in der Praxis erfolgreich sein werden“, betont der Professor für Logistik und Wirtschaftsinformatik.

Insgesamt fünf Professoren halten Logistiklehrveranstaltungen – sowohl für den Bachelor- und Masterstudiengang als auch den berufsbegleitenden und dualen Studiengang. Darüber hinaus betreiben sie angewandte Forschung und werben Drittmittel für die Hochschule ein. Prof. Dr. Stefan Bongard ist im Kollegium zum Beispiel der Spezialist für nachhaltig ausgerichtete Citylogistik. Der Professor für Betriebswirtschaftslehre und Logistik forscht unter anderem zu alternativen Antriebstechnologien im Fuhrpark und analysiert dabei die Total Cost of Ownership. „Die Studierenden unserer Hochschule profitieren von der großen Bandbreite der Themen, die von uns Logistik-Professoren abgedeckt wird, und die sich mit der gesamten Value Chain befassen – von der Intralogistik über die Layoutplanung einer Logistikimmobilie bis hin zur softwaregestützten Transport-Netzwerk-Planung“, erläutert Iskan. Darüber hinaus befasse man sich mit Management-Fragestellungen, Logistik-Controlling bis hin zu Themen wie Data Science und Digital Transformation, also all dem, was in einer zukünftig vernetzten Supply-Chain-Welt immer wichtiger werde.

Die Schwerpunkte von Iskans Forschung liegen in der Automotive Supply Chain, dem Management und der Industrialisierung von Logistikdienstleistern oder auch dem Tender Management und dem Einkauf von Transport und Logistik. Er beschäftigt sich mit internationalen Logistikmärkten mit Fokus auf die Neue Seidenstraße und die Türkei. Als Stefan Iskan 2013 den Ruf an die HGW LU annahm, war er einer der jüngsten Logistikprofessoren im deutschsprachigen Raum. Zuvor war der heute 40-Jährige unter anderem sieben Jahre lang im Deutsche-Bahn-Konzern tätig. Seiner engen Praxisvernetzung bis hinein in die Fußball-Bundesliga ist es zu verdanken, dass jedes Semester zwischen zehn und 20 Experten aus der Industrie und von Logistikdienstleistern Vorträge halten und in den Rollenspielen mitwirken. Er betont: „Gemeinsam mit den Praxis-Challengern führen wir den Studierenden die unternehmerischen Realitäten vor Augen.“

Geostrategisches Management

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Und diese zeigen sich oftmals von ihrer rauen Seite. Master- und Bachelor-Absolventen steigen in eine Berufswelt ein, die zwar wie keine andere Branche in Deutschland zukunftsorientiert ist, in der aber oftmals „Wildwest-Methoden“ herrschen, wenn es darum geht, Logistikdienstleistungen langfristig einzukaufen. „Das Blatt hat sich seit der Pandemie allerdings gewendet“, betont Iskan und ergänzt: „Wir müssen verinnerlichen, dass Supply Chain Management heute vor allen Dingen eins ist: geostrategisches Management und der Zugriff auf geostrategische Infrastruktur. Vor allem aber das Ermöglichen von Wettbewerbsvorteilen im Zusammenspiel von Menschen, Daten, Technologie und Assets.“

Mit der Fähigkeit „ausgestattet“, agil und flexibel agieren zu können, sind die rund 50 Logistikstudenten, die pro Jahr mit Bachelor-, Master- oder auch MBA-Abschluss die Hochschule verlassen, begehrt. Es gibt eine Reihe von Unternehmen in der Nähe zur Hochschule in Ludwigshafen, die als mögliche Arbeitgeber infrage kommen und bei denen einige Absolventen ihre ersten beruflichen Schritte machen: SAP in Walldorf, Daimler Truck in Wörth am Rhein, John Deere, ABB oder EvoBus in Mannheim. mp

Autorin: Susanne Frank, freie Journalistin, München.

Logistik an der HWG LU

An der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafenlernen rund 4.400 Studentinnen und Studenten. Im Schnitt verlassen pro Jahr 50 Absolventen die Hochschule mit einem Bachelor-, Master- oder MBA-Abschluss in Logistik. Logistik lässt sich auch berufsbegleitend oder als dualer Studiengang belegen. Die Hochschule legt Wert auf eine persönliche Betreuung der Studierenden und vermittelt neben Grundlagenwissen in Logistik und BWL auch anwenderorientierte IT-Kenntnisse und soziale Kompetenzen; die Lehrmethoden verfolgen einen interkulturellen, interdisziplinären und internationalen Ansatz. Eingebunden in die Lehrveranstaltungen sind Gastvorträge von Managern und Führungskräften vonLogistikdienstleistern, aus der Industrie undSoftwareberatung bis hin zu Vertretern der Fußball-Bundesliga.

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Artikel Studium: Den Logistikalltag simulieren
Seite 20 bis 21 | Rubrik PROFILE