Logistikberufe: Wissenschaftlerin mit Zukunftsblick

Prof. Dr. Julia Hartmann lehrt an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht zumThema Nachhaltigkeit in der Supply Chain. Warum diese Aufgabe schön und herausfordernd zugleich ist und was sie sich von Arbeitgebern in derLogistik wünscht.

Prof. Dr. Julia Hartmann lehrt an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht zumThema Nachhaltigkeit in der Supply Chain. Bild: EBS
Prof. Dr. Julia Hartmann lehrt an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht zumThema Nachhaltigkeit in der Supply Chain. Bild: EBS
Sandra Lehmann
Logistikberufe

Hochschulprofessorin, gefragte Rednerin, Interviewpartnerin und Wissenschaftlerin: Auf Prof. Dr. Julia Hartmann, Professorin für Management und Nachhaltigkeit am Operations Department der EBS Universität für Wirtschaft und Recht, treffen viele Attribute zu. Und man kennt sie. Nicht zuletztweil Julia Hartmann immer wieder auch im Fernsehen und in der Öffentlichkeit erklärt, wie wichtig der Begriff Nachhaltigkeit in seiner Gesamtdefinition für Logistik und Supply Chain Management und damit für die gesamte Industrie und Wirtschaft ist.

Es besser machen

Dabei hatte die studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin keine Universitätskarriere im Blick, als sie sich für die Logistik entschied. Vielmehr legte sie den Fokus auf das, was sie verbesserungswürdig fand. „Ich habe an einer Berufsakademie Strategisches Management studiert und im Zuge dessen bei einem großen Hausgerätehersteller im Einkauf gearbeitet. Dabei hatte ich entsprechend viel Kontakt mit Lieferanten und habe schnell gemerkt, dass in der Kommunikation mit Zulieferern noch viel Luft nach oben ist. Das wollte ich gern in Angriff nehmen“, sagt Hartmann.

Weil sie mit einem Abschluss an der Berufsakademie keine Hochschullaufbahn einschlagen kann, entschließt sich die Forscherin nach Frankreich zu gehen, um weiterzustudieren. Aber nicht nur die Aussicht etwas im Supply Chain Management verändern zu können, reizt die junge Absolventin – auch den Spaß daran anderen etwas beizubringen, entdeckt sie früh. „Ich hatte in meinem Job in der Einkaufsabteilung die Aufgabe Kurse in SAP-Nutzung zu geben. Das hat mir große Freude bereitet und ich dachte, dass es möglich sein muss daraus einen richtigen Beruf zu machen. Da es kein Lehramt für Logistik gibt, habe ich mich eben an der Universitätslehre orientiert.“

Für ihren Einstieg in die Wissenschaft sucht sich Hartmann dann auch ein besonderes und bis dahin kaum beachtetes Themenfeld aus: Nachhaltigkeit. „Vor 14 Jahren, als ich anfing mich dafür zu interessieren, hat sich fast niemand damit beschäftigt, welche Auswirkungen die Globalisierung auf unsere Umwelt und soziale Gerechtigkeit hat. Dabei war bereits damals offensichtlich, dass der größte Hebel für ein bewussteres Handeln in unseren Lieferketten verborgen ist. Vor allem in dem Teil, der nicht vor unserer Haustür stattfindet.“ Das bietet jede Menge Potenzial – auch in Bezug auf die Lehrplangestaltung. „Ich habe bislang noch keine Vorlesung zweimal gehalten, weil immer wieder neue Fragestellungen und Herangehensweisen auftauchen. Vergangenes Jahr konnte ich beispielsweise ein Seminar über den Einsatz von Blockchaintechnologien in der nachhaltigen Lieferkette anbieten. Aktueller geht es fast nicht“, so Hartmann.

Allerdings bergen der inhaltliche Freiraum und das vergleichsweise junge Thema auch Herausforderungen. „Die Datenbasis ist bei vielen Teilaspekten der nachhaltigen Supply Chain noch recht klein. Das macht es teilweise schwierig an Unterrichtsmaterial zu kommen. Zudem gibt es noch keine Standardlösungen, die man klassifizieren und im Rahmen der Lehre weitergeben kann“, erläutert die Forscherin. Deshalb hat es sich Hartmann zur Aufgabe gemacht, die Lücken, die es hinsichtlich des Themas Nachhaltigkeit gibt, gemeinsam mit Praxispartnern, Kollegen und Studierenden zu füllen. Denn die Chancen ihrer Disziplin sieht die Wissenschaftlerin ganz klar im Vordergrund: „Es ist unser Auftrag in der Forschung Neues zu entdecken und Lösungen zu entwickeln, die es so vorher noch nicht gab. Dafür ist das Thema Nachhaltigkeit im Supply Chain Management geradezu prädestiniert. Das macht es für Wissenschaftler deutlich attraktiver als Forschungsfelder, die schon lange beackert werden.“

Die Lust mit der eigenen Arbeit Nachhaltigkeit besser umsetzbar zu machen und so zu einer besseren und umweltbewussteren Gesellschaft beizutragen, möchte Julia Hartmann vor allem ihren Studenten weitergeben. „Ich wünsche mir, dass meine Studierenden in ihrem späteren Berufsleben das Thema Nachhaltigkeit ernsthaft leben und es so Eingang in alle Unternehmen findet.“ Dafür muss sich aber im Wirtschaftszweig Logistik aus Hartmanns Sicht noch einiges ändern. Die Professorin sieht etwa größeren Bedarf an Berufsbildern, die für kreative Köpfe geeignet sind und Aufstiegschancen bieten. „Ich mache leider immer noch oft die Erfahrung, dass sehr begabte Studenten sich später in der Logistik schwertun. Zum Beispiel, weil Karrierepfade dort schneller als erwartet enden. Das trägt nicht unbedingt dazu bei, gut qualifiziertes Personal zu binden.“

Globale Gerechtigkeit

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Dieses werde allerdings gebraucht, um die Herausforderungen der Zukunft zu stemmen, wie Hartmann betont. Denn mit Klimaneutralität allein sei in Sachen Nachhaltigkeit noch nicht viel gewonnen. „Natürlich ist das noch nicht vom Tisch, weil viele Industrien gerade erst anfangen sich damit zu beschäftigen. Aber die nächsten wichtigen Themen warten bereits auf die Unternehmen. Zukünftig wird man sich mit Closed Loop Supply Chains auseinandersetzen müssen und auch mit den eigenen Geschäftsmodellen. Die Frage wird demnächst nämlich sein, welche Konzepte gesellschaftlich akzeptiert werden und welche nicht“, so Hartmann. Dabei werde auch das Thema soziale und globale Gerechtigkeit für Logistik- und SCM-Verantwortliche eine größere Rolle spielen.

Zum Erfolg von Nachhaltigkeitsthemen möchte Julia Hartmann deshalb nicht nur als Forscherin beitragen. Auch außerhalb der Universität hat sie große Pläne. „Ich könnte mir beispielsweise gut vorstellen, eine beratende Funktion in der Industrie zu übernehmen und grundsätzlich die Zusammenarbeit mit Partnern aus der Wirtschaft auszubauen. Gerade das vergangene Jahr hat gezeigt, wie groß die Veränderungen sind, die auf unsere Wertschöpfungs- und Lieferketten einwirken. Das Potenzial für gemeinsame Projekte ist da und wartet darauf ausgeschöpft zu werden.“ Und vielleicht geht im Zuge dessen auch Hartmanns derzeit größter Wunsch in Erfüllung: ein eigenes Standardwerk für nachhaltige Logistik zu veröffentlichen.

Sandra Lehmann

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Seite 22 bis 23 | Rubrik PROFILE