Logistikforschung: Direkt an der Schnittstelle

Das Institut FIR e.V. an der RWTH Aachen wurde gegründet, um die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit produzierender Unternehmen zu steigern. Heute macht es sie zu Forschungspartnern.

In der Digital Experience Factory auf dem Campus der RWTH Aachen können Industrie-4.0-Technologien im Realbetrieb erprobt werden. Bild: FIR
In der Digital Experience Factory auf dem Campus der RWTH Aachen können Industrie-4.0-Technologien im Realbetrieb erprobt werden. Bild: FIR
Therese Meitinger
Industrie 4.0

Spekulativ zu Quantencomputer oder anderen faszinierenden Technologien forschen, die ihren Durchbruch in ferner Zukunft oder vielleicht auch nie haben? Bloß nicht, winkt Prof. Dr. Volker Stich ab. „Darauf hätte ich keine Sekunde lang Lust“, sagt der Geschäftsführer des FIR e.V. an der RWTH Aachen. Stich sieht sich nicht als Forscher, sondern eher als anwendungsorientierten Praktiker, der weiß, was in der Forschung möglich ist. „Und dann transferiere ich mit Leib und Seele die Potenziale in die Industrie“, erklärt er im Brustton der Überzeugung. Praktischerweise ist der Weg dafür in Aachen nie weit, denn Unternehmen sind hier immer mit dabei – ob als Projektpartner in der Forschung oder als Mitglied in einem der Center auf dem RWTH Aachen Campus.

Als „Forschungsinstitut für Rationalisierung“ wurde das FIR 1953 vom Land Nordrhein-Westfalen mit dem Ziel gegründet, die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen mit anwendungsorientierter Forschung zu fördern und zu steigern. Diese Mission verfolgt das An-Institut der RWTH Aachen, das von dem Verein FIR e.V. getragen wird, auch heute noch. (An-Institute sind organisatorisch wie rechtlich eigenständige wissenschaftliche Einrichtungen, die einer deutschen Hochschule angegliedert sind.) Geändert haben sich über die Zeit Inhalte und auch Ausrichtung und Selbstverständnis des FIR, das sein Akronym heute mit „Forschung – Innovation – Realisierung“ auflöst.

„Früher war in erster Linie die Betriebsorganisation entscheidend für den Erfolg von Unternehmen, heute treibt sie der digitale Wandel an“, erklärt Stich. Entsprechend hat sich das FIR auf die Fahnen geschrieben, Grundlagen für digital vernetzte Unternehmen der Zukunft zu schaffen. „Im Mittelpunkt stehen Fragen der Aufbereitung von Daten und der optimalen Bereitstellung von Informationen. Dies nutzen wir als Grundlage für zukunftsweisende Wertschöpfungsmodelle und nachhaltige Organisationsstrukturen.“

Gearbeitet wird daran im „Cluster Smart Logistik“, einem 25.000 Quadratmeter großen Gebäude, das Platz für 500 Menschen bietet – etwa 100 aus der Forschung und 400 aus der Industrie. Neben Büroräumen befindet sich auch die „Digital Experience Factory“ darin, die explizit kein Labor sein will, sondern das praxisnahe Ausprobieren neuer Technologien erlauben soll. „Wir haben den Anspruch, dass dort immer so viele Exemplare eines Produkts hergestellt werden, dass die Kosten wieder eingespielt werden. Die Produktionsaufträge dafür müssen wir akquirieren“, erläutert der FIR-Geschäftsführer.

In der Digital Experience Factory entstanden etwa die ersten „StreetScooter“ oder Prototypen des Elektroautos „e.GO“. Aktuell spielt hier unter anderem der Mobilfunkstandard 5G eine große Rolle, für dessen Potenziale sich mehrere Firmen interessieren. Sensorhersteller Sick sowie Infrastrukturanbieter Ericsson sind hier in5G-Projekten und einem Sensorik-Projekt im Bereich Tracking & Tracing aktiv.

Immatrikulierte Unternehmen

Sick und Ericsson sind im Rahmen des Projekts sogenannte „Mitglieder“, die mit den Wissenschaftlern in den Centern auf dem RWTH Aachen Campus zu unterschiedlichen Themen direkt vor Ort zusammenarbeiten – als quasi „immatrikulierte“ Forschungspartner. Das von Prof. Dr. Günther Schuh, der unter anderem auch Direktor des FIR ist, entwickelte Modell ist eine Aachener Spezialität: „Wir treten vereinfacht gesagt als vorgelagerte F&E-Abteilungen unserer Partner auf“, so Volker Stich. „In regelmäßigen Think-Tank-Meetings überlegen wir, welche Projekte die Unternehmen jetzt sofort gebrauchen können und kalkulieren die Projekte zusammen durch.“ Bezahlt wird das Projekt von den beteiligten Partnerunternehmen.

„Derzeit interessieren sich viele Unternehmen für den Nutzen von künstlicher Intelligenz, wollen etwa wissen, ob sie einen Business Data Scientist einstellen müssen“, sagt Stich. Auch Big Data und Augmented Reality, die zum Beispiel bei der Gestaltung von Lkw-Arbeitsplätzen zum Einsatz kommen, sind große Themen. Das Gleiche gilt für Automated Guided Vehicles (AGV) und die Einbindung von Technologien in IT-Systeme, vor allem im ERP-Bereich.

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Das FIR bewirbt sich auch um öffentlich geförderte Forschungsprojekte, reicht Konzepte etwa bei Ausschreibungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung oder des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz ein und versucht, sich im „Haifischbecken“ durchzusetzen. Hinzu kommen Beratungen für Firmen, die sich mit einem konkreten Anliegen an das Institut wenden. Für einen Produktionsstandort eines Landmaschinenherstellers entwickeln die Aachener so gerade eine IT-Landschaft, die in dem neuen Werk Fertigung und mobile Transportroboter zusammen steuern kann.

Die Idee wird zum Start-up

„35 Prozent von dem, was wir tun, ist klassische Unternehmensberatung, 65 Prozent sind Forschungsprojekte. So erwirtschaften wir ein Jahresbudget von zehn bis zwölf Millionen Euro“, ordnet Stich ein. Die Anbindung an die aktuelle Wissenschaftslandschaft stellen im FIR dabei rund 75 Senior-Projektbetreuer und -Projektbetreuerinnen sicher – wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die hier im Durchschnitt rund viereinhalb Jahre tätig sind. Meist nutzen sie die Zeit für ihre Promotion an der RWTH Aachen, was der Status des FIR als An-Institut der Hochschule erlaubt. Vor allem aber bereiten sie sich im FIR auf ihre spätere Karriere in der Wirtschaft vor und werden in dieser Zeit zu Experten und Expertinnen für „Bridging the Gap“, also die anwendungsorientierte Forschung, die dazu dient, neue Methoden, Entwicklungen und Trends für die Praxis nutzbar zu machen und in den Unternehmenskontext zu überführen. Das hat sich das FIR auf die Fahnen geschrieben.

Wie langlebig die in Aachen entwickelten Ansätze sind, ist oft, aber nicht in jedem Fall, nachzuvollziehen. „Der eine konkrete Beleg, den wir haben, sind unsere Start-ups“, überlegt Volker Stich. Und davon gab es einige: „So agieren mittlerweile zwölf FIR-Spin-offs als ‚FIR-Solution-Group‘ in direkter Nähe unseres Instituts. Zuletzt ging Betterflow an den Start – mit einem Aerodynamik-System, das im Nachhinein an Lkw angebracht werden kann, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Die Nachfrage explodiert gerade“, sagt der FIR-Geschäftsführer.

Er freut sich neben Neugründungen auch über „Wiederholungstäter“ wie den Hamburger Logistikdienstleister TOP Mehrwert-Logistik. „Als wir uns kennengelernt haben, war Geschäftsführer Fiete Wendt nicht überzeugt vom Nutzen der Forschung für Logistiker.“ Mittlerweile hat das Unternehmen acht Projekte mit dem FIR durchgeführt – und Co-Geschäftsführerin Kerstin Wendt-Heinrich hat eine Forschungskoordinatorin eingestellt, die für einen kontinuierlichen Nachfluss an Ideen sorgen soll. Therese Meitinger

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Seite 22 bis 23 | Rubrik PROFILE