Forschung: Nachhaltige Logistikprojekte

Früh hat sich das Fachgebiet Logistik der TU Berlin mit Nachhaltigkeit und Logistik in Schwellenländern beschäftigt. Die Studierenden lernen an Fallstudien sowohl bei heimischen Unternehmen als auch in Afrika, wie sich Prozesse verbessern lassen.

„Durch die BerlinUniversityAlliance existieren viele Kooperationen mit der FU Berlin und der Humboldt Universität“, erläutert TU-Professor Frank Straube. Bild: TU Berlin
„Durch die BerlinUniversityAlliance existieren viele Kooperationen mit der FU Berlin und der Humboldt Universität“, erläutert TU-Professor Frank Straube. Bild: TU Berlin
Gunnar Knüpffer
GreenLogistics

Bereits seit 1985 beschäftigt sich das Fachgebiet Logistik der Technischen Universität Berlin mit dem Thema Nachhaltigkeit. Damals schrieb der Gründer des Fachgebiets an der TU, Prof. Dr. Helmut Baumgarten, ein Buch zu dem Thema, bevor es sich zu einem Schlüsselthema entwickelte.

Von 2005 bis 2010 verantwortete dann der Leiter des Fachgebiets, Prof. Dr. Frank Straube, für die Europäische Union ein erstes großes Nachhaltigkeitsprojekt namens „BestLog“. Dabei entwickelten die Wissenschaftler für die EU Standards für Nachhaltigkeitsbewertungen in der Logistik. Daraus entwickelte Straube 2015 einen ISO-Standard und eine EN-Norm für das Reporting von Transport und Logistik in den Bereichen CO2, NOx, Lärm, Fläche und Feinstaub, die heute europaweit angewendet werden.

Dies ist jedoch nur ein Bereich, mit dem sich das Fachgebiet befasst. „Der Anspruch an die Logistik-Ausbildung der TU Berlin war es immer, technisch-wirtschaftliche Logistik in der Breite anzubieten“, sagt Straube. Das sei ein Kunststück, weil die Einflussfaktoren auf die Logistik stark zugenommen haben. Aber das Fachgebiet hätte das in der Lehre und Forschung durchgehalten. „Wir konzentrieren uns also nicht auf einen Schwerpunkt, sondern auf mehrere mit dem Anspruch, ganzheitliche Logistiksysteme zu gestalten und zu verändern“, erläutert Straube. Dabei möchten die Wissenschaftler des Fachgebiets den Studierenden „Handlungs- und Reflexionskompetenz beibringen“. „Auf diese Weise wollen wir sie vorbereiten auf die Veränderungen von Logistiksystemen, die wir in den nächsten 30 Jahren umsetzen müssen, wenn es zehn Milliarden Menschen auf der Erde gibt“, kündigt der Professor an.

Den Studenten werden integrierte Veranstaltungen angeboten, das heißt eine Kombination aus Wissensvermittlung und interaktiven Formaten zum Beispiel im Bereich Gamification. So haben die Wissenschaftler des Fachgebiets reale Simulationsspiele im Bereich Datenanalytik entwickelt, mit denen die Studenten Phänomene in der Logistik wie die Verbesserung der Zuverlässigkeit und Nachhaltigkeit, das frühzeitige Erkennen von Unterbrechungen sowie ein besseres Bestandsmanagement untersuchen können.

Zudem führen die Studierenden zusammen mit Unternehmen Fallstudien durch: Zum einen gibt es Übungsaufgaben im Rahmen einer Veranstaltung, bei denen zehn Studenten aus Ruanda, Äthiopien und Berlin reale Distributionsprobleme in diesen afrikanischen Ländern zusammen mit Firmen wie Henkel und Varta bearbeiten. Dafür stellt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) Mittel bereit, sodass die Studenten der TU nach Afrika fliegen und afrikanische Studenten nach Berlin kommen können.

Studenten treffen Vorstände

Das zweite Format sind semesterbegleitende Fallstudien, bei denen sich vier Studierende über ein Semester mit einer Problemstellung in einem Unternehmen beschäftigen. Dabei treffen sie Vorstände von Firmen bei Kaminabenden, um diese zum Projekt und auch zu Karrieremöglichkeiten zu befragen. Ihre Ergebnisse präsentieren die Studenten dann zum Semesterende.

Und Firmenexkursionen stehen in dem Logistikbereich immer unter einem Motto, unter dem sich die Studenten die Prozesse in dem Unternehmen genauer anschauen. Anschließend entwickeln sie Ideen, wie sich das Gesehene verbessern lässt: Wie kann etwa ein Unternehmen beim Transport nachhaltiger werden oder wie lässt sich der E-Commerce in der Stadt besser abwickeln? Diese Antworten werden an die Unternehmen zurückgespielt.

Derzeit gibt es 200 bis 250 Studierende im Bereich Logistik, die aus 20 Ländern kommen: 60 Prozent davon sind Wirtschaftsingenieure, die anderen verteilen sich auf Mathematik, Wirtschaftsinformatik, Volkswirtschaft und Informatik. Die Wirtschaftsingenieure können dabei Logistik als eine technische Vertiefung auswählen.Schwerpunktmäßig beschäftigt sich das Fachgebiet mit Logistik in Produktions-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen, Verkehrs- und Stadtlogistik, internationaler Logistik sowie mit Logistiknetzwerken. „Dazu kommt als Querschnittstechnologie die Informationstechnik, die wir anwenden“, erläutert Fachgebietsleiter Straube.

Wissenschaftler und Studenten des Fachgebiets können den Einsatz neuer Technologien wie Drohnen, Blockchain, RFID sowie Materialflusstechnologien in einem integrierten Logistiklabor auf dem Campus ausprobieren. Ferner haben sie Zugriff auf ein IT-Labor, in dem sie mit moderner Software große Netzwerke simulieren, Cloud-Anwendungen sowie Plattformen testen und große Datenvolumina verarbeiten können.

Werbeinblendung:
Advertorial

Ein Meilenstein für die Sendungsverfolgung

Cubetape - Barcode scannen, Volumenerfassung im Warenaus- & Wareneingang + SKU/Master Data

Fachgebiet ist stark vernetzt

Aktuell ist das Fachgebiet am neuen Anwendungszentrum „Erlebbare Künstliche Intelligenz in der Mobilität“ in Berlin (BeIntelli) beteiligt, das im Juli eröffnet wird. Bei diesem 35-Millionen-Euro-Projekt ist der Bereich Logistik zuständig für das Thema Güterverkehr: Die Wissenschaftler erforschen, wie autonom fahrende Klein-Lkw mit Elektroantrieb durch eine verteilte künstliche Intelligenz gesteuert werden können. Dabei untersuchen sie, wie Lieferroboter sich aus autonom fahrenden Fahrzeugen in Handelsoutlets und Wohnhäuser bewegen können. Dafür wird eine umfassende Teststrecke im Zentrum von Berlin mit Sensoren und Kameras ausgestattet.

„Da es an den drei Universitäten in Berlin nur einen einzigen Logistik-Professor gibt, lebt die Logistik in Berlin stark durch ihre Vernetzung“, erklärt Straube. So sei der Lehrstuhl, der im Institut für Technologie und Management der TU Berlin angesiedelt ist, zum Beispiel eng verbunden mit der Mathematik, der Informatik, Robotik, Produktion sowie der Betriebswirtschaft.

Zudem existieren durch die BerlinUniversityAlliance viele Kooperationen mit der Freien Universität Berlin und der Humboldt Universität. Dies sei ein Glücksfall für die Logistik, sagt Straube. „Dadurch sind wir breit aufgestellt und haben eine Vielfalt an Themen und Methoden.“ Und durch sein Netzwerk im Bereich Wirtschaft und Politik hätten sie ein relativ hohes Drittmittelvolumen. Dadurch können viele Doktoranden finanziert werden. Auf diese Weise könne der Lehrstuhl im Konzert der Logistik national vorne mitspielen und sei auch international sichtbar, meint der Logistik-Professor.

Gunnar Knüpffer

Fachgebiet Logistik kooperiert mit Subsahara-Ländern

Konferenz 2019 in Addis Abeba: Das Fachgebiet ist Teil der Pan-AfricanMobilityAlliance.

 

Der Lehrstuhl Logistik der TU Berlin arbeitet bereits seit 20 Jahren mit afrikanischen Ländern zusammen. Die erste Kooperation startete Professor Dr.-Ing. Helmut Baumgarten im Bereich Humanitäre Logistik, wobei es um die Logistik nach Naturkatastrophen, nach Flutkatastrophen und bei Missernten ging. Prof. Dr. Frank Straube entwickelte diesen Ansatz weiter: Nun versucht der Lehrstuhl seit fünf Jahren, über Logistik Wohlstand und Arbeitsplätze in Schwellenländern zu schaffen.

Diese Aktivitäten fördert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und die Kühne-Stiftung. Beim Afrika-Gipfel von Ex-Kanzlerin Angela Merkel im Jahr 2018 war Straube einer der Mitbegründer der Pan-AfricanMobilityAlliance (PAMA). Diese Initiative soll acht afrikanischen Compact-Ländern – Länder im Subsahara-Bereich – die Möglichkeit geben, über Logistik am Welthandel teilzunehmen und vor Ort Arbeitsplätze entstehen zu lassen Auf diese Weise will die Bundesregierung 100.000 Arbeitsplätze in diesen Ländern schaffen.

Die Wissenschaftler des Logistik-Fachgebietes trainieren dabei die Verantwortlichen an den afrikanischen Universitäten und kooperieren mit Unternehmen und Politik bei Pilotprojekten. Beispielsweise geht es um Konzepte zur Reduktion von Lebensmittelverschwendung in Ghana, um eine neue Mobility-Plattform in Kigali und um ein Projekt mit dem Hafen in Djibouti.

◂ Heft-Navigation ▸

Artikel Forschung: Nachhaltige Logistikprojekte
Seite 22 bis 23 | Rubrik PROFILE