Interdisziplinär in die Zukunft

Das Institut für Fördertechnik und Logistik (IFT) der 
Universität Stuttgart hat eine lange Geschichte. Warum der derzeitige Institutsleiter, Prof. Dr. Robert Schulz, diese nun neu erzählen möchte.

 Bild: Montage: Karl-Heinz Bartl
Bild: Montage: Karl-Heinz Bartl
Sandra Lehmann
Fördertechnik

Forschung und Lehre rund um die Bereiche Fördertechnik und Maschinenbau haben in Stuttgart Tradition: Bereits seit 1927 widmet man sich hier den Themen rund um Fördertechnik, Hebe- und Seiltechnik sowie dem Materialfluss. Erst am damaligen Institut für Hebezeuge, Transportanlagen und Baumaschinen, heute am Institut für Fördertechnik und Logistik (IFT) der Universität Stuttgart. Immer wieder auch durch die Hinzunahme aktueller Weiterentwicklungen: wie der Drahtseilforschung in den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts oder durch die Erweiterung um das Forschungsfeld Lagertechnik und Logistik im Jahr 1989.

Eine Geschichte, die Prof. Dr. Robert Schulz, seit 2019 Leiter sowie Geschäftsführender Direktor des IFT, nun neu erzählen möchte. „Maschinenbau und die damit verbundenen Logistikdisziplinen sind aus meiner Sicht so relevant wie nie zuvor. Und obgleich momentan viel in Richtung IT und Software geforscht wird, werden wir doch, so lange wir noch nicht beamen können, Güter physisch bewegen müssen. Dazu sind wir auf innovative Fördertechnik und smarte Materialflüsse angewiesen“, so der promovierte Ingenieur gegenüber LOGISTIK HEUTE. Um hier die Entwicklungen voranzutreiben, gilt es aus Sicht des Wissenschaftlers, Studierende für dieses aktuelle Thema zu motivieren. „Wir müssen den Maschinenbau und alle seine Teildisziplinen als Studienfach attraktiv halten und Lust machen, sich den Themen dieses Forschungszweigs zu widmen“, erläutert Schulz.

Dafür setzt der Institutsleiter vor allem auf ein hohes Maß an Praxisbezug. Ihm sei wichtig, dass seine Studenten nach ihrem Abschluss eine genaue Vorstellung davon haben, was sie mit ihrem Wissen anfangen können. „Ich wünsche mir, dass die Lehre, wie wir sie hier in Stuttgart praktizieren, die Studierenden dazu befähigt, möglichst schnell eine Tätigkeit in Industrie und Logistik zu beginnen und dabei immer im Hinterkopf zu haben, wo die Reise in diesen beiden Bereichen zukünftig hingeht.“

Wie bereichernd gute Lehre sein kann, weiß Schulz, der vor seinem Wechsel an das IFT viele Jahre für die Audi AG tätig war, seit Langem. Bereits während seiner Zeit in der Industrie hielt er Vorlesungen an der Universität Stuttgart. „Ich fand es immer wichtig, junge Menschen für die Logistik zu begeistern und zu zeigen, wie interessant und erfüllend eine Tätigkeit in diesem Bereich sein kann. Zudem ist natürlich die Suche nach geeigneten Talenten für ein Industrieunternehmen sehr wichtig. Wo immer Lehre stattfindet, kann man aus meiner Erfahrung heraus fündig werden“, sagt Schulz, der heute eine Professur für Fördertechnik, Intralogistik und Technische Logistik innehat.

Aber nicht nur praxisorientierte Forschung ist aus Schulz’ Perspektive essenziell, um den Fachbereich Maschinenbau weiterzuentwickeln. Auch interdisziplinäres Arbeiten nach dem Vorbild des sogenannten Stuttgarter Wegs möchte der Forscher noch viel stärker in die Strukturen des Instituts und in die Köpfe seiner Studierenden tragen.

„Um die großen Zukunftsthemen wie Mobilität, Nachhaltigkeit, Robotik, aber auch mehr Transparenz für Lieferketten, nachverfolgbare Materialflüsse und 5G in der Produktionslogistik voranzubringen, müssen wir instituts- und auch universitätsübergreifend zusammenarbeiten. Denn nicht in allen notwendigen Themen haben wir die Expertise. Deshalb benötigen wir die Unterstützung anderer Forscher, genauso wie diese unsere Hilfe bei Themen der Fördertechnik, der konstruktiven sowie der prozessualen Logistik brauchen“, sagt Schulz.

Miteinander kooperieren

Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist die interdisziplinäre Innovationsplattform ARENA2036, die die Zukunft der taktungebundenen Automobilproduktion auf einem Forschungscampus in Stuttgart untersucht. Dort ist das IFT seit Begründung 2013 wissenschaftlicher Partner und bringt in regelmäßigen Abständen Neuentwicklungen im Gebiet der Automobillogistik ein. Zudem kooperiert das IFT aktuell mit dem Institut für Elektrische Energiewandlung der Universität Stuttgart in einem Projekt zum induktiven Laden des fahrerlosen Transportfahrzeugs „Scooty“. Scooty kann somit gleichzeitig mit Energie versorgt werden und die induktiven Ladepunkte für seine Navigation und Orientierung nutzen.

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Damit übergreifende Zusammenarbeit gelingt, da ist sich Schulz sicher, muss vor allem Kommunikation in den Fokus des Handelns gerückt werden. „Wir müssen auf Austausch setzen, miteinander reden und vor allem über unseren Tellerrand hinausschauen. Dafür ist die Logistik der ideale Partner, da dieser Teilbereich in den Unternehmen seit jeher als Vermittler zwischen vielen unterschiedlichen Abteilungen fungiert. Logistikverantwortliche haben oft sowohl gute Kontakte zu Lieferanten und Dienstleistern als auch zu Einkäufern und Produktionsspezialisten“, erläutert der Forscher.

Das soll auch dazu beitragen, die Logistik bei der Entwicklung von Produkten im Sinne eines Product Lifecycle Managements von vornherein mitzudenken. „Da viele Bereiche in Unternehmen immer mehr zusammenwachsen, können selbst kleinste Veränderungen in der Produktentwicklung später große Auswirkungen auf die Logistik haben. Deshalb muss man hier von Beginn an Hand in Hand arbeiten. Auch das möchten wir unseren Studierenden mit auf den Weg geben.“

Den Menschen unterstützen

Dieses Prinzip beherzigt Schulz auch im eigenen Haus und setzt dort auf Verschmelzung bislang getrennter Abteilungen. So arbeitet er seit seinem Amtsantritt auf die optimierte Kooperation der beiden Forschungsfelder konstruktive Logistik und prozessuale Logistik hin. Denn die wissenschaftlichen und praktischen Fragen, die in diesen beiden Bereichen an das Institut herangetragen werden, überschneiden sich oft, so Schulz. Ändere man an einer Stelle des Materialflusses etwas, habe dies auch Auswirkungen auf die restliche Prozesskette. „Deshalb bin ich der Meinung, dass man diese beiden Sektoren zukünftig zusammendenken sollte“, sagt der Wissenschaftler. „Das hat auch damit zu tun, dass wir uns in Zukunft viel mehr darüber Gedanken machen müssen, wie wir den Menschen in diesen Logistikketten unterstützen können, wo Automatisierung Sinn macht und wie wir damit auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Das schaffen wir nur, wenn wir gemeinsam an Herausforderungen arbeiten – seien sie wissenschaftlicher oder praktischer Natur.“ Sandra Lehmann

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Seite 26 bis 27 | Rubrik PROFILE