Kranker Hahn

Redaktion (allg.)

Die Messe in Paris ist Sinnbild für das ­Handelsdefizit unseres Nachbarn. Die ­Franzosen stecken in einer strukturellen Krise. Mit Staatsgeldern sollen Innovationen jetzt ­gefördert werden.

Die Franzosen haben ein Problem. Unsere Nachbarn westlich des Rheins exportieren zu wenig Güter und Dienstleistungen und haben sich jahrelang zu sehr auf den Binnenmarkt verlassen. Steigende Löhne und Gehälter machten das in den vergangenen Jahren möglich. In der Krise rächt sich die Strategie. Exportnationen wie Deutschland laufen den Franzosen weltweit den Rang ab. Der gallische Hahn krächzt nur noch heiser. Das Dilemma der Franzosen verdeutlicht die diesjährige Logistikmesse SITL vor den Toren von Paris. Die Ausstellungsmacher setzen wieder auf eine bunte Mischung aus der Logistikwelt. Hier ein Hafen, dort ein Dienstleister und zwischendurch Softwareanbieter oder Palettenpools. Exportorientiert sind von ihnen nur wenige und wenn, dann konzentriert man sich auf die Mittelmeerregion, die nicht gerade als prosperierendste Gegend bekannt ist. Um es kurz zu machen: Der Messe fehlt das klare Konzept. Als Wettbewerber zur Transport Logistic in München beispielsweise ist sie zu regional und gegenüber der LogiMAT in Stuttgart zu wenig technisch ausgerichtet. Denn den Franzosen fehlen auf der Messe die klassischen Maschinenbauer, die Intralogistikspezialisten. Die sitzen in Deutschland und den angrenzenden EU-Staaten und meiden in der Mehrzahl die SITL. Trotzdem sind die Gastgeber von Reed Exposit­ions von ihrem Konzept überzeugt und die laut Veranstalter rund 40.000 Besucher können sich sehen lassen. Die SITL ist trotz der Kritik am Konzept Treffpunkt der Transportbranche in Frankreich. Transport als Dienstleistung – darauf setzen die Nachbarn. Häfen und Kontraktlogistiker dominieren die französische Ausstellerschar der viertägigen Schau. Sie versorgen den Binnenmarkt von Le Havre bis Marseille mit Gütern. Eine wichtige und sicher­lich auch lukrative ­Aufgabe. Doch momen­tan kriselt die Nachfrage. Den französischen Gastgebern fehlt das Alleinstellungs­merkmal, denn Kontraktlogistiker und Hafenanbieter können auch andere Länder vorweisen.

Wer nicht exportiert, muss eben importieren und da wittern die Nachbarn ihre Chancen. Rund ein Drittel der 800 Aussteller kommt aus dem Ausland und präsentiert auf insgesamt 45.000 m² ihre Produkte und Lösungen. „Wir sind Anfang des Jahres in den französischen Markt gestartet und deshalb präsentieren wir uns zum ersten Mal auf der SITL“, sagt Jarret Leesch, Business Development Manager bei der Inconso AG. Die Bad Nauheimer sind mit ihrer Premiere zufrieden: „Von 100 Kontakten am ersten Tag waren zehn sehr konkret“, freut sich Leesch. Anders sieht es beim Kunststoffpalettenspezialisten Craemer aus. Eher ruhig sei es zugegangen, heißt es. Auch am Stand des diesjährigen Partnerlandes Russland bleiben nur wenige Besucher stehen. Kein Wunder, denn inhaltlich haben die Russen nicht viel mitgebracht. Miniaturflughafenmodelle können heute nur wenige überzeugen. Große Hoffnung RFID Anders sieht es bei den französischen Hafengesellschaften und Dienstleistern aus. Hier tummeln sich die Besucher an den gewaltigen Ständen mit ihren weitläufigen Buffets. Außenstehende könnten den Eindruck bekommen, die Aussteller besuchten sich gegenseitig, um gemeinsam zu essen und zu trinken. Es gab aber auch Publikumsmagneten, die ohne Häppchen und Champagner auskamen. Das Thema RFID, bisweilen in Frankreich vernachlässigt, nimmt stark an Bedeutung zu. „Die Franzosen hinken bei dem Thema eindeutig hinterher“, sagt ein deutscher Branchenkenner, der ungenannt bleiben will. Der Ausstellungsbereich RFID ist gut besucht. Man setze große Hoffnungen in die RFID-Technologie, sagen viele kleine Standinhaber. Auch die Politik hat das Thema entdeckt. Ein neu gegründetes „Centre National de Référence RFID“ soll mit Staatsgeldern die Grande Nation zum Spitzenreiter bei der RFID-Technologie machen. Mit bekannten Namen von IBM über Texas Instruments, Total oder Thales schmückt sich das Referenzzentrum bereits. Der Wille zu mehr Exporten und Innovationen ist also da. Auch die Messegesellschaft will nächstes Jahr neue Wege gehen. Die „ECO Transport & Logistic“, eine Messe für grüne Transporte und Logistik, soll parallel zur SITL vom 23. bis 25. März 2011 neue Aussteller und Besucher anlocken. We

Messen 2010 Wer geht wohin? Unter den Staplerherstellern zeichnen sich bei den Messeauftritten dieses Jahr unterschiedliche Strategien ab. Während etwa Jungheinrich sich gerade auf den Auftritt auf der Münchner Bauma vom 19. bis 25. April vorbereitet, bleiben sowohl Toyota als auch die Kion-Gruppe mit den Marken Still und Linde der Baumesse mit einer halben Mio. m2 Ausstellungsfläche fern. Kion-Sprecher Michael Hauger betonte gegenüber LOGISTIK HEUTE, dass die Messe zwar groß sei, aber nur den ­Baubereich abdecke. Die Marken im Konzern setzten daher mehr auf eigene Veranstaltungen und Roadshows. Clark Europe überlässt es, wie auch bei der LogiMAT in Stuttgart, dieses Jahr auch wieder seinen Händlern, auf welchen Messen sie ausstellen wollen. Clark präsentiere sich „nach wie vor nur auf der CeMAT“, betont Verena Braun aus der Marketingabteilung des Herstellers. Im europäischen Ausland ist neben der SIL in Barcelona (25. bis 28. Mai) dieses Jahr noch die IMHX vom 16. bis 19. November in Birmingham für Intralogistiker von Bedeutung. Die Messe auf der krisengebeutelten Insel wurde – auf Wunsch vieler Aussteller, wie der Veranstalter betont – vom Frühjahr in den Herbst geschoben. Für die alle drei Jahre stattfindende Schau, zu der rund 350 Aussteller erwartet werden, haben aus dem Staplerbereich schon einige Unternehmen zugesagt. Mit großen Ständen sind dort etwa die asiatischen Firmen Doosan, Toyota und Hyundai Heavy Industries vertreten. Aber auch Jungheinrich und der amerikanische Crown-Konzern kommen auf die Insel. jö

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