Logistik-IT: Der Digital Twin wird menschlich

Der Human Digital Twin, den Picavi derzeit entwickelt, schreibt das Konzept des Digital Twin weiter: Statt Supply-Chain- und Maschinendaten steht dabei die virtuelle Unterstützung von Mitarbeitern im Fokus.

Wie lässt sich der Faktor Mensch in die datenbasierte Optimierung logistischer Prozesse einbinden? Bild: Picavi
Wie lässt sich der Faktor Mensch in die datenbasierte Optimierung logistischer Prozesse einbinden? Bild: Picavi
Therese Meitinger
Logistik-IT

Der Mensch ist ein zentraler Erfolgsfaktor in der Logistik. Die Flexibilität der Mitarbeiter im Lager bleibt nach wie vor unerreicht. Dies wirdsich, wie zahlreiche Experten denken, auch angesichts zunehmender Automatisierung und IT-Unterstützung nicht ändern. Immer mehr Unternehmen sehen daher den Menschen als zentralen Baustein, wenn sie ihre Abläufe optimieren. Das Konzept des Human Digital Twin setzt dabei etwa auf die Nutzung der ohnehin entstehenden Prozessdaten.

Digitale Zwillinge sind detailgetreue virtuelle Abbildungen der gesamten Supply Chain – oder von Teilen davon, wie beispielsweise des Lagers. Der Ansatz hat seinen Ursprung in der Logistikplanung. Heutzutage begleitet der Digital Twin viele Logistikanlagen über ihren gesamten Lebenszyklus. Er dient als Unterstützung bei der Planung sowie als Simulationsmodell und eignet sich als sichere Testumgebung für Prozessänderungen.

Eine Variable, die beim Prüfen von Prozessanpassungen mit dem Digital Twin bislang oft wenig berücksichtigt wird, ist der Mensch. Die konkreten Tätigkeiten und Bewegungsabläufe im Lager ließen sich bisher nur schwer einbeziehen. Der Pick-by-Vision-Spezialist Picavi hat sich auf die Fahnen geschrieben, daran etwas zu ändern und arbeitet aktuell daran, das Konzept des Human Digital Twin in der Praxis umzusetzen. Das Unternehmen hat dazu ein eigenes Forschungs- und Entwicklungsprojekt aufgelegt, das vom Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM), einem bundesweiten Förderprogramm, unterstützt wird.

Beim Human Digital Twin handelt es sich um die digitale Abbildung eines Menschen. In der Logistik wäre das Vorbild etwa der Mitarbeiter im Lager bei seiner täglichen Arbeit. Alle für seine Aufgaben relevanten Aktionen werden in dem Konzept von Picavi im Human Digital Twin nachgebildet. Dazu zählen etwa Transportwege und -zeiten, Bewegungen oder Scans. Kombiniert werden diese Daten mit allen wichtigen Betriebsparametern. Dabei tragen auch vermeintliche Kleinigkeiten womöglich dazu bei, wichtige Optimierungspotenziale zu identifizieren. Ein Beispiel ist die WLAN-Stärke, ein anderes sind die Ressourcen im Lager. Insgesamt soll ein detailgetreues virtuelles Abbild des Mitarbeiters entstehen, das sich kontinuierlich aktualisieren lässt.

Informationen anonym erfasst

Viele Unternehmen im Wirtschaftsbereich Logistik und im industriellen Umfeld setzen sich noch wenig mit dem Thema Prozessanalyse rund um die Ressource Mensch auseinander. Beim Human Digital Twin geht es nicht darum, die Arbeitsleistung einzelner Mitarbeiter zu kontrollieren. Im Fokus steht die Optimierung der Prozessperformance, der Ergonomie und das Aufspüren von Verbesserungspotenzialen. Daher werden alle Daten anonym erfasst, verarbeitet und als Durchschnittswert aller Teammitglieder angezeigt.

Werden vielerorts – vor allem in Europa – noch Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes vorgebracht, liegt ein Grund für die mangelnde Auseinandersetzung Picavi zufolge jedoch tiefer. Lange Zeit war es recht schwierig, die für den Human Digital Twin notwendigen Daten zu erheben. „Wir haben in der Zusammenarbeit mit vielen Unternehmen festgestellt, dass die Informationen ganz einfach nicht erfasst werden“, erklärt Carsten Funke, Chief Sales Officer bei Picavi. „Das ist erstaunlich, denn die notwendigen Daten lassen sich in der Praxis mit der richtigen Technologie recht einfach beschaffen.“

Wearables generieren Daten

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Um ein virtuelles Abbild des Mitarbeiters im Lager zu erhalten, müssen Logistikunternehmen die direkt im relevanten Prozess entstehenden Daten sammeln und nutzen. „Mit vielen Wearables ist das heutzutage ganz leicht umsetzbar“, erklärt Funke. „Wichtig ist es dabei, die Daten richtig einordnen zu können. Dafür braucht es ein intelligentes und intuitiv bedienbares Tool.“

Picavi will die im Logistikprozess entstehenden Daten mit seiner Business-Intelligence-Lösung „Picavi Cockpit“ nutzbar machen. Das darin integrierte Analytics-Feature versteht sich als zentrale Stelle zum Sammeln, Aggregieren und Visualisieren aller wichtigen Informationen. Die Daten werden direkt von den in den Pick-by-Vision-Datenbrillen integrierten Sensoren erfasst und kontinuierlich aktualisiert. „Das Analytics-Feature im Picavi Cockpit ermöglicht bereits heute eine detaillierte Analyse auf der Ebene kleinster Handlungsschritte“, erklärt Funke. „Anwender erkennen damit auf einen Blick, in welchem Prozessschritt Zeit- und Kosteneinsparungen möglich sind. Aktuell arbeiten wir daran, diese Erkenntnisse in Form eines Human Digital Twin auch optisch zum Leben zu erwecken.“

Da die menschlichen digitalen Zwillinge auf der Grundlage von realen Prozessdaten entstehen, können sie ein deutlich realistischeres und besseres Prozessverständnis vermitteln. Optimierungspotenziale lassen sich anhand von objektiven Daten identifizieren. Änderungen im Prozess können dann in Zukunft zunächst im geschützten Rahmen des Human Digital Twin getestet werden. Erst wenn diese Tests erfolgreich abgeschlossen sind, erfolgt die Umsetzung in der Praxis. So wird Picavi zufolge die Gefahr von Ausfällen oder Stillständen im Logistikprozess proaktiv minimiert.

Auch bei der Einarbeitung von neuen Mitarbeitern soll der Human Digital Twin helfen. Das Training erfolgt dann auf der Grundlage von digitalen Erfahrungswerten. „Mit dem Human Digital Twin können Logistiker ihren Mitarbeitern im Lager die Arbeit erleichtern und sie deutlich ergonomischer gestalten. Er ist die perfekte Unterstützung für den Menschen“, erklärt Carsten Funke. „Und genau deshalb arbeiten wir weiter daran, das Konzept des Human Digital Twin für die logistische Praxis zu optimieren.“ tm

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Artikel Logistik-IT: Der Digital Twin wird menschlich
Seite 64 bis 65 | Rubrik KOMPASS