Industrial Metaverse: Warum es sich auch in Transport und Logistik durchsetzen wird

Im Industrial Metaverse sollen die physische und digitale Welt verschmelzen – unterstützt beispielsweise durch Augmented / Virtual Reality, KI-Technologien oder 5G. Wie können Logistik und Transport von diesem Konzept profitieren?

Augmented Reality ist eine der Technologien, die dem Industrial Metaverse zugrundeliegen. (Symbolbild: Gorodenkoff / AdobeStock)
Augmented Reality ist eine der Technologien, die dem Industrial Metaverse zugrundeliegen. (Symbolbild: Gorodenkoff / AdobeStock)
Therese Meitinger
Autor(en) dieses Beitrags

Thomas Hainzel ist Head of Digital Industries Evolution and Partnerships bei Nokia

Die Vorstellung einer immersiven virtuellen Realität, in der Menschen wie Avatare in einer simulierten Umgebung interagieren, mag für viele noch ein bisschen seltsam sein. Doch schon jetzt zeigen sich nach und nach die Vorteile des industriellen Metaverse, und zwar über Branchengrenzen hinweg. Beim Metaverse geht es darum, die physische und digitale Welt zu verschmelzen, unterstützt durch künstliche Intelligenz (KI), maschinelles Lernen (ML), Hochleistungsnetze, die Cloud, virtuelle sowie erweiterte Realität (VR und XR) und 5G/6G-Konnektivität. Für Unternehmen ist es dabei der messbare kommerzielle Mehrwert der Metaverse-Anwendungsfälle, der den Unterschied macht.

Die Metaverse-Studie von EY und Nokia aus dem Jahr 2023 zeigt, dass Unternehmen tatsächlich beginnen, das Potenzial dieser „erweiterten“ Welt zu nutzen. 80 Prozent der Befragten, die Erfahrungen mit dem Metaverse gemacht haben, glauben, dass das industrielle Metaverse einen signifikanten oder transformativen Einfluss auf ihr Business haben wird. Und die Unternehmen, die bereits Metaverse-Anwendungsfälle implementiert haben, erwarten sogar noch deutlichere Vorteile als diejenigen, die sich noch in der Planungsphase befinden.

Was die Branche denkt

Im Bereich Supply Chain, Logistik und Transport sind es laut der Studie vier Anwendungsfälle, von denen sich die Befragten den größten Mehrwert versprechen:

  • Das Testen und Verbessern der User Experience (UX) durch Extended Reality (39 Prozent), etwa bei neuen Produkten: 25 Prozent der Befragten aus diesem Bereich planen sogar, diesen Anwendungsfall schon innerhalb eines Jahres einzuführen, wobei Nachhaltigkeit, Prozesseffizienz, verbesserter Service und Kundenzufriedenheit als die wichtigsten Vorteile gelten.
  • Autonome Lieferroboter (37 Prozent): Die Logistikbranche ist bei diesem Thema schon recht weit und hat diesen Anwendungsfall im Vergleich zu anderen Branchen am häufigsten eingeführt. Jeder zehnte hat auch schon autonom/ferngesteuerte Wartungsroboter eingesetzt, um die rechtzeitige Wartung von Fahrzeugen während der Fahrt zu ermöglichen.
  • Visualisierte vorausschauende Wartung (36 Prozent): Schon heute nutzen zwölf Prozent der Befragten diesen Anwendungsfall. Zu den wichtigsten Vorteilen zählen Prozesseffizienz und Nachhaltigkeit durch die Minimierung von Maschinenausfallzeiten und die Verlängerung der Maschinenlebensdauer.
  • Visualisierte Optimierung der Supply-Chain (36 Prozent): 31 Prozent planen die Einführung dieses Anwendungsfalls sogar schon innerhalb eines Jahres. Zu den wichtigsten Vorteilen zählen verbesserter Service und Kundenerfahrung, Prozesseffizienz und OPEX-Reduzierung.

Digitale Zwillinge

Der digitale Zwilling entwickelt sich zu einer zentralen Metaverse-Anwendung im Unternehmensumfeld. Er ist die exakte digitale Kopie eines physischen Systems oder einer Umgebung. Er enthält physikalische und prozessuale Eigenschaften und Bedingungen und kann sowohl Echtzeitdaten als auch Simulationen integrieren. Der 3D-Softwareanbieter Dassault Systèmes spricht von „Virtual Twin Experiences“: Bei einer Demonstration betraten die Teilnehmer kürzlich eine riesige Halle, setzten eine intelligente Brille auf und trugen einen Rucksack mit Computer, Batterien und Sensoren. Mit dieser Ausrüstung konnten sie die virtuelle Welt in Echtzeit erleben, indem sie in ein 360-Grad-3D-Modell der Fabrikhalle mit Echtzeit-Produktions- und Leistungsdaten der Anlagen eintauchten. Die Besucher konnten selbst ausprobieren und verstehen, wie eine virtuelle Plattform die Simulations- und Entscheidungsfindungsprozesse verbessern und die Kosten ineffizienter Prozesse senken kann.

Viele Unternehmen, die mit komplexen und dynamischen Systemen wie in der Logistik zu tun haben, wünschen sich eine solche Anwendung. Sie können mit realen Datensätzen arbeiten und Algorithmen auf einer virtuellen Plattform testen. Anwendungsfälle wie Zeit- und Kapazitätsplanung, das Onboarding neuer Teammitglieder und die Visualisierung von vorausschauender Wartung oder virtuelle Forschung und Entwicklung gehören zu den Anwendungsfällen, für die am häufigsten ein Mehrwert prognostiziert wird. 

Durch Visualisierung, Dateninteroperabilität und die Verknüpfung digitaler und physischer Welten können Teams Prototypen erstellen und testen, Anlagen entwerfen und optimieren, Lieferketten und Netzwerke planen und vorausschauende Wartung durchführen. All dies kann Zeit und Geld sparen und gleichzeitig sicherstellen, dass Mitarbeiter und Umwelt geschützt werden.

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Was das Metaverse antreibt

Covid-19 war ein klarer Wendepunkt, der viele Unternehmen dazu zwang, ihre Arbeitsweise grundlegend zu ändern. Lieferkettenprobleme, Fachkräftemangel, eine veränderte Sicherheitslage und der Klimawandel sind starke Gründe, Prozesse und Arbeitsweisen zu verbessern und nach Möglichkeiten zu suchen, dies auch mit Metaverse-Anwendungen zu erreichen. Ein messbarer Geschäftsnutzen ist das Ziel und wird auch für Unternehmen aus dem Logistik- und Transportsektor die entscheidende Triebfeder für die Einführung von Metaverse-Anwendungen sein.

Seit das Konzept der Virtuellen Realität vor einem Jahrhundert entwickelt wurde, hat sich viel verändert und der Nutzen von Metaverse-Anwendungsfällen wird immer offensichtlicher. Als Ivan Sutherland und sein Student Bob Sproull 1968 ein VR/AR-Display auf den Markt brachten, war es noch so schwer, dass es den Spitznamen „Damoklesschwert“ erhielt. Heute haben 58 Prozent der Befragten in der Studie von EY und Nokia bereits einen Metaverse-Anwendungsfall getestet oder implementiert.

Wie sich komplexe Abläufe trainieren und verbessern lassen

Nehmen wir die Bahn als Beispiel: Ein Bahnmitarbeiter hat im virtuellen Trainingsraum eine 360-Grad-Visualisierung des landesweiten Bahnsystems vor sich auf einer Wand aus Bildschirmen mit tausend winzigen Punkten. Einige Punkte sind Züge, die bis zu 400 Kilometer pro Stunde fahren. Andere Punkte sind Signaldaten, und noch mehr stehen für die Alarme, die rot, gelb und grün blinken, um Leistungskennzahlen oder Problembereiche anzuzeigen. Das Trainingsszenario: Es ist Hochsaison für Touristen, in der Stadt finden Olympische Spiele statt. Plötzlich wird das ganze Land wird von sintflutartigen Regenfällen heimgesucht. Während der Betreiber die Strecken an die Zeit anpasst, die ein Zug zum Bremsen braucht bis zu drei Kilometer unter normalen Bedingungen, ein weiterer Kilometer auf nasser Strecke entgleist ein Güterzug und das gesamte System ist sofort im roten Bereich. Diese Situation vorab zu trainieren, kann dabei helfen, im Ernstfall Chaos zu verhindern. Bahnbetreiber und Teams von Ingenieuren können den Ernstfall simulieren, indem sie einen digitalen Zwilling des nationalen Eisenbahnnetzes verwenden. Ein virtuelles Testfeld für eine Branche wie die Eisenbahn, in der es keine Fehlertoleranz gibt, bedeutet, dass sie sich trotzdem auf alle möglichen Unwägbarkeiten vorbereiten können.

Der nächste Schritt im Metaverse

Damit der Metaverse-Markt bis zum Jahr 2030 auf die von ABI Research prognostizierten 100 Milliarden US-Dollar anwachsen kann, benötigen Unternehmen robuste Netze, die auf Multi-Access-Konnektivität und Hochgeschwindigkeits-Computing aufbauen. Sichere, ultraschnelle Netze mit geringen Latenzen und hoher Zuverlässigkeit werden das Metaverse ausmachen und geschäftskritische Anwendungen online halten. Selbst die fortschrittlichsten 5G-Netze werden durch die Anforderungen des Metaverse auf die Probe gestellt, deshalb ist die Arbeit an 6G bereits in vollem Gange. Die übergreifende Zusammenarbeit zwischen Unternehmen – Stichwort Ökosystem – wird dabei entscheidend sein. Gesucht sind Partner, die alle an einen Tisch bringen können: Technologieanbieter, Systemintegratoren, globale Serviceanbieter und spezialisierte Partner auf der ganzen Welt. Nur so können wir gemeinsam die neuen Metaverse-Anwendungen realisieren, die einen echten Mehrwert für Unternehmen bringen.

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