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Wer fährt in Zukunft?

Fahrermangel Berufskraftfahrer werden dringend gesucht, rund 45.000 Stellen sind offen. Einige Beispiele zeigen, dass es dennoch möglich ist, Kräfte zu finden und zu binden.

Bleibt die Fahrerkanbine bald leer? In Deutschland fehlen rund 45.000 Berufskraftfahrer. Bild: Mihail/Adobe Stock
Bleibt die Fahrerkanbine bald leer? In Deutschland fehlen rund 45.000 Berufskraftfahrer. Bild: Mihail/Adobe Stock
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Sandra Lehmann

Bleibt die Fahrerkabine des Lkw demnächst leer? Diese Befürchtungen hegen Logistikdienstleister, Unternehmen und Interessenvertretungen gleichermaßen. Wie der Deutsche Speditions- und Logistikverband (DSLV) bereits vor einiger Zeit vermeldete, fehlen aktuell rund 45.000 Berufskraftfahrer in Deutschland – Tendenz steigend. Bis 2022 soll die Zahl der unbesetzten Stellen auf 150.000 anwachsen, so lauten Prognosen der Initiative „FairTruck“, einer digitalen Plattform für Lkw-Lenker.

Das liegt laut der Initiative und dem DSLV vor allem daran, dass im Schnitt jedes Jahr etwa 30.000 Berufskraftfahrer in Rente gehen und lediglich 16.000 Nachwuchskräfte eine Ausbildung zum Fahrer beginnen. Auch eine Auswirkung des schlechten Images, mit dem der Beruf des Lkw-Fahrers zu kämpfen hat. In einem aktuellen Ranking der Berufe, die deutsche Arbeitnehmer auf gar keinen Fall ausüben wollen, landet der Job des Brummi-Fahrers auf Platz drei.

Entwicklungen, welche die deutsche Logistikwirtschaft und die Verlader insbesondere in Zeiten des wachsenden Onlinehandels mit Sorge betrachten. So wies etwa Florian Gerster, Vorsitzender des Bundesverbands Paket und Expresslogistik (BIEK), im Rahmen des diesjährigen TruckGrandPrix darauf hin, dass der zunehmende Fahrermangel nicht nur den Lkw-Transportbereich, sondern auch die Paketzustellung massiv beeinflusse. Als Gründe nannte der BIEK-Chef neben der starken Reglementierung für Berufskraftfahrer durch den Gesetzgeber das niedrige Lohnniveau sowie die mangelnde Wertschätzung, die man KEP- und Lkw-Fahrern entgegenbringe. Höhere Gehälter und der Abbau bürokratischer Hürden könnten hier aus Gersters Sicht Abhilfe schaffen. Aber reicht das, um das Szenario der leeren Fahrerkabine abzuwenden? Unternehmen quer durch den Wirtschaftszweig Transport und Logistik verfolgen verschiedene Ansätze. Eine Auswahl:

Digitalisierung: Insbesondere die durch digitale Prozesse gestützte Automation soll dazu beitragen, Arbeitsbedingungen für Fahrer zu verbessern und so Mitarbeiter zu finden und zu binden. Wie der Softwareanbieter Kratzer Automation kürzlich im Rahmen der Debatte zum Fahrermangel mitteilte, könnten IT-basierte Prozesse im Arbeitsalltag von Berufskraftfahrern zu mehr Transparenz und vereinfachter Kommunikation führen. Durch den Einbezug von Apps sei etwa für Transportunternehmen schneller ersichtlich, wo sich Sendungen und Fahrzeuge aktuell befinden. Bei logistischen Problemen kann beispielsweise die Disposition helfend eingreifen und der Fahrer steht mit Problemen nicht mehr alleine da. Auch der sinnvolle Einsatz von Fahrkräften durch Softwaretools und eine effiziente Routenplanung, die Leerfahrten vermeidet, schont aus Sicht von Kratzer Automation wertvolle Arbeitskraft.

Autonomes Fahren: Der Lkw ohne Fahrer soll aus Sicht einiger Experten den Fachkräftemangel in Transport und Logistik in absehbarer Zeit deutlich verringern und das Berufsbild des Fahrers grundlegend verändern. Die Vision: Der Truck steuert sich selbst, der Fahrer wird entweder nicht mehr benötigt oder übernimmt übergeordnete Aufgaben. Ein Zukunftsbild, das nicht alle für realistisch halten.

So sieht etwa der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e.V. das autonome Fahren nicht als alleinige Lösung für den Fachkräftemangel im Fahrersitz: „Auch Lkw, die am automatisierten Fahren teilnehmen, brauchen einen Fahrer. Denn der Fahrer fährt ja nicht nur, er ist Begleiter der ihm anvertrauten Güter, er ist verantwortlich für die Übergabe an den Empfänger, für Transport- und Ladungssicherung und greift bei unvorhersehbaren Ereignissen ein“, so BGL-Präsident Adalbert Wandt Ende 2017.

Dass es zukünftig nicht ganz ohne jemand hinter dem Steuer geht, ist auch die Auffassung von Martin Daum, Chef der Sparte Trucks & Busses der Daimler AG. Im Rahmen eines Workshops zur Fachmesse IAA Nutzfahrzeuge, der im Juli dieses Jahres vom Verband der Automobilindustrie e.V. organisiert worden war, betonte Daum, dass der Fahrer etwa bei seitlich auftretenden Winden immer noch der Maschine überlegen sei. Der Truck-Experte wies aber auch daraufhin, dass im Bereich des automatisierten Fahrens technisch schon eine Menge möglich wäre und autonome Lkw dem menschlichen Fahrer beispielsweise beim Bremsen und Beschleunigen bereits überlegen seien.

Ausbildung: Nachwuchskräfte für den Platz hinter dem Lenkrad zu finden, ist für einen Großteil der Speditionen und Logistikdienstleister in Deutschland eine Herausforderung. So fand der Bundesverband Möbelspedition und Logistik (AMÖ) e.V. in einer Mitgliederbefragung heraus, dass derzeit 124 von 143 Unternehmen des Verbands auf Personalsuche sind. Rund ein Viertel der Befragten sieht dabei die Nachwuchssituation als bedrohlich an. Grund genug für Speditionen aktiv auf potenzielle Fachkräfte zuzugehen.

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So sucht beispielsweise der Logistikdienstleister Zufall Logistics Group auf Bildungs- und Schulmessen sowie in Kooperation mit Arbeitsagenturen und in Schulen den direkten Kontakt zum Fahrernachwuchs. Ziel der Initiative ist es laut Zufall, nach Ende der Ausbildungszeit möglichst viele Fachkräfte aus den eigenen Reihen zu gewinnen.

Selbst ausbilden möchte auch die Nagel-Group. Dazu setzt das Unternehmen mit Sitz in Versmold nicht nur auf die direkte Ansprache zukünftiger Arbeitnehmer, sondern nimmt die Ausbildung und Qualifizierung von Berufskraftfahrern seit dem Sommer 2018 mit einem eigenen Driving-Center selbst in die Hand. Als neue Ausbildungsstätte für den eigenen Fahrernachwuchs dient dabei eine ehemalige Fahrschule in Schwerin, die von dem Logistikdienstleister übernommen wurde. Ziel der Fahrer-Akademie ist es der Nagel-Group zufolge, die Betreuung der hauseigenen Berufskraftfahrer über alle Phasen hinweg zu koordinieren. Das reiche von der Rekrutierung neuer Mitarbeiter über die Aus- und Weiterbildung bis hin zur Betreuung eigener und externer Fahrer.

„Mit dem Nagel Driving Center führen wir unseren erfolgreichen Ansatz weiter: Mit eigenen Berufskraftfahrern und einem eigenen Fuhrpark sichern wir insbesondere in Zeiten des Fahrermangels Transportkapazitäten für unsere Kunden“, so Björn Schniederkötter, Sprecher der geschäftsführenden Direktoren und Chief Operating Officer (COO).

Imagepflege: Um dem gängigen Bild des Berufskraftfahrers entgegenzuwirken, haben sich Anfang September 2018 die Unternehmen Cosi Stahllogistik, DHL Freight, Spedition Ottensmann, Schmidt-Gevelsberg, Speralux sowie Winner Spedition zusammengetan und einen „Tag des Lkw“ initiiert. Gemeinsam mit dem zuständigen Jobcenter, den Agenturen für Arbeit Hagen und Iserlohn sowie dem Landesverband Spedition + Logistik im VVWL NRW luden die Speditionen Schüler, Arbeitssuchende und Geflüchtete nach Hagen ein, um sich vor Ort über die Jobs des Berufskraftfahrers und des Lageristen zu informieren. Dabei stand das Event vor allem unter dem Motto „Berufe zum Anfassen“. So ermöglichten drei Fahrschulen es den Besuchern, selbst einen Lkw zu fahren.Sandra Lehmann

Bilder: Iconimage/Fotolia; Mihail/Adobe Stock

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Artikel Wer fährt in Zukunft?
Seite 70 bis 71 | Rubrik EXTRA
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