Robotik: Inventur per Drohne

Das klassische Drohnenrevier ist der Außenbereich. Aber auch im Warehouse erschließen die agilen Flugroboter zunehmend Anwendungsfelder.

Drohne beim Scanvorgang im Warehouse. Computer Vision spielt für den Prozess eine zentrale Rolle. Bild: doks. Innovation
Drohne beim Scanvorgang im Warehouse. Computer Vision spielt für den Prozess eine zentrale Rolle. Bild: doks. Innovation
Therese Meitinger
Robotik

Sie gehört zu den lästigeren Pflichten: die Inventur. Anlässlich bestimmter Fristen den Soll- und Ist-Bestand im Lager abzugleichen, ist monotone Arbeit, die Mitarbeiterkapazitäten bindet, ohne Wertschöpfung zu generieren. Im Hochregallager kann angesichts der schwindelerregenden Höhen auch eine gewisse Verletzungsgefahr hinzukommen.

Die Inventur ist genau der richtige Job für eine Drohne, findet das Kasseler Start-up Doks.innovation. „Drohnen kommen ohne großen Aufwand dorthin, wo sich der Mensch oder auch Gabelstapler beziehungsweise Roboterarm deutlich schwerer tut. Außerdem lassen sie sich flexibel einsetzen“, sagt Mike Becker, CTO und Co-Founder von Doks.innovation. Dass Drohnen in der Intralogistik als innovativ gelten, sorge durchaus für eine gewisse Neugier bei potenziellen Kunden.

Der Anbieter hat mehrere Drohnensysteme für die Bestandsdatenerfassung entwickelt, wobei „doks.inventairy“ eine automatisierte Inventur im Hochregallager erlaubt. Einsatzbedingung sei neben dem Hochregallager und den abzuzählenden Objekten lediglich ein von vorne gut einsehbarer Barcode, der meist auf den Packstücken auf der Palette angebracht sei und als Identifier fungiere, sagt Becker. Infrage kommen dabei alle im Logistikkontext gängigen Barcodeformate.

Doks. innovation setzt dabei auf eine kombinierte Lösung, die neben der Drohne auch ein mobiles Bodenfahrzeug mitsamt integrierter Aufladestation umfasst. „Durch diese Kombination ist das System mit einem Kabel verbunden, was den Vorteil hat, dass für die Drohne keine Batteriewechsel anfallen oder kein ständiges Nachladen erforderlich wird“, erläutert der CTO. Das System könne auf diese Weise fünf Stunden am Stück im Warehouse fliegen und eine Bestandsdatenerfassung durchführen.

KI unterstützt Tracking

Nach einem ersten Einlernen, in dem das System mit den Grundlagen des jeweiligen Lagers vertraut gemacht wird, bewegt sich doks.inventairy voll automatisiert durch die Regale. Vorgaben braucht es dann nur noch zu den Einsatzgebieten, den Zeiträumen und dem Aufgabenspektrum. Soll beispielsweise eine konkrete Erfassung regelmäßig zu einem bestimmten Zeitpunkt oder das ganze Lager binnen eines Zeitraums gescannt werden? Möglich macht dies unter anderem künstliche Intelligenz. „Das gesamte System basiert auf Computer Vision. Das Tracking, das Erkennen von Paletten et cetera ist in die künstliche Intelligenz eingegossen“, schildert Becker.

Ist die Palette wirklich leer?

Neben der Sensorik, über die die Drohne erkennt, ob ein Stellplatz leersteht, überprüft eine Kombination aus Kameratechnik und künstlicher Intelligenz, ob sich an der vermeintlichen Leerstelle wirklich nur eine Palette befindet – oder eine Palette mit einem sehr kleinen Packstück darauf, das die Sensorik nicht erkannt hat. Verschiedene Navigationsalgorithmen erlauben es, dass sich das System an der Umgebung orientiert und ohne eine Magnetspur auskommt.

Zum Einsatz kommt doks.inventairy aktuell vor allem in der klassischen Kontraktlogistik, wo das Start-up unter anderem mit GXO oder der Seifert Logistics Group zusammenarbeitet. Das Drohnensystem ist aber auch in der Automotive-Branche vertreten, wo es unter anderem Volkswagen nutzt. „Das Einzige, was individuell für die jeweiligen Kunden angepasst wird, ist die Belegung der Regale. Davon erstellen wir vor der Inbetriebnahme einen digitalen Zwilling. Ansonsten kommt die Lösung von der Stange“, sagt Becker. Vor der Einführung von doks.inventairy gelte es dabei, immer wieder Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Transparenz und Digitalisierung sei in deutschen Warehouses oft weniger vorangeschritten, als man dies annehmen könnte.

„Viele Mitarbeiter haben auch Angst, dass ihnen der Job weggenommen werden könnte“, so der CTO von Doks. innovation. Diese sieht er allerdings als unbegründet an, denn schließlich sei die Drohneninventur vor allem eine Möglichkeit, Beschäftigte von öden, repetitiven Aufgaben zu entlasten – oder eine Inventur zu ermöglichen, wenn bedingt durch den Fachkräftemangel nicht ausreichend Mitarbeiter vor Ort seien.

Werbeinblendung:
Advertorial

Diese Vorteile bringt ein automatisiertes Logistiksystem mit Containern, Robotik und KI

Zeitersparnis: Mit dieser Anlage dauert ein Palettenwechsel weniger als 30 Sekunden

Ähnliches könnte auch bald für die Detektion von Schäden an den Regalen oder Paletten gelten. Für Becker der nächste logische Schritt: „Wir sehen uns aktuell das Thema Regalinspektion an. Im Prinzip fliegen wir an den Regalen ja sowieso vorbei und erheben die entsprechenden Daten ja sowieso.“ Nur die methodische Auswertung fehlt noch für diesen Service.

Wo stoßen Drohnen im Warehouse derzeit noch an ihre Grenzen? Bei Folien – und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum einen erschweren Folien und andere reflektierende Oberflächen die Detektion von Barcodes, zum anderen werden überhängende Folien von der Sensorik der Drohnen schlecht erkannt und für Ausweichmanöver so eventuell nicht berücksichtigt. Mitunter geraten Folien so in die Rotoren der Drohnen – ein potenzielles Absturzrisiko.

Einen Schub für die Anwendung von Drohnen im Warehouse erwartet sich Doks. innovation auch aus der Entwicklung der Batterietechnik. „Wenn hier die Energiedichte zunimmt, werden längere Flugzeiten möglich, bei einem kleineren Produkt mit einem geringeren Gewicht“, resümiert Mike Becker.

Therese Meitinger

◂ Heft-Navigation ▸

Artikel Robotik: Inventur per Drohne
Seite 56 bis 57 | Rubrik EXTRA