Verpackung: Nachhaltigkeit auf Knopfdruck

Das Freiburger Jungunternehmen Recyda bietet eine Plattform an, mit der Nutzer die Recyclingfähigkeit ihrer Verpackungen bewerten können. Wozu die Lösung darüber hinaus fähig ist und warum die Gründer meinen, damit einen Nerv getroffen zu haben.

Das Team von Recyda recherchiert auch vor Ort in Sortieranlagen (v.l.n.r.): Anna Zießow, Christian Knobloch und Vivian Loftin. Bild: Recyda
Das Team von Recyda recherchiert auch vor Ort in Sortieranlagen (v.l.n.r.): Anna Zießow, Christian Knobloch und Vivian Loftin. Bild: Recyda
Sandra Lehmann
Recycling

Manchmal findet man die besten Ideen erst in Zusammenarbeit mit anderen. So ging es auch Vivian Loftin, Anna Zießow und Christian Knobloch – den drei Gründern des Freiburger Start-ups Recyda. Das Trio hat eine digitale Plattform entwickelt, mit der Hersteller und Inverkehrbringer von Verpackungen, aber auch Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung herausfinden können, wie recyclingfähig und nachhaltig ihr Verpackungsportfolio ist – von der Um- und Transportverpackung bis hin zum Schutz für Produkte.

Die Ursprungsidee für diese Lösung entstand nicht etwa im Keller oder in der Garage der Gründer, sondern im Rahmen eines Innovationsworkshops, den die drei Jungunternehmer bei der Frankfurter Futury GmbH absolviert haben – einem Anbieter, der auf den Aufbau von Nachhaltigkeits-Start-ups spezialisiert ist. Dabei werden Gründungswillige mit etablierten Unternehmen in mehrmonatigen Projekten vernetzt, um Synergien zu schaffen und Innovationen zu entwickeln. „Wir kommen alle drei nicht aus den Bereichen Verpackung oder Recycling, haben aber im Futury-Projekt mit einem Verpackungshersteller zusammengearbeitet, der uns letztlich auf die Notwendigkeit hingewiesen hat, Abläufe rund um das Verpackungsrecycling zu digitalisieren“, erklärt Recyda-Mitgründerin Vivian Loftin.

Anfangs hatten die drei Gründer eher eine digitale Weltkarte für Recyclingströme im Kopf, aus der dann Stück für Stück die heutige Recyda-Plattform entstanden ist. „Das Thema hat uns sofort gepackt – auch weil wir damit einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Welt leisten können“, sagt Loftin. Positives Feedback auf den ersten Prototypen der Recyda-Plattform hat die drei Gründer schließlich dazu bewogen, an einem marktreifen Konzept zu arbeiten.

Fit fürs Recycling?

Über die Anwendung können Nutzer unter anderem länderübergreifend und weltweit ermitteln, ob ihre Verpackungen den gängigen Industriestandards fürs Recycling entsprechen beziehungsweise wie diese für einen Verwertungsprozess in einem bestimmten Ländermarkt ertüchtigt werden können. Zudem analysiert die Software-as-a-Service-Lösung anhand aktueller Regulierungsbestimmungen, welche Steuern und Gebühren in welchen Staaten für Inverkehrbringer fällig werden. Auf diese Weise sollen Unternehmen Finanzressourcen für ihr Verpackungsportfolio besser planen und schrittweise mehr Nachhaltigkeit realisieren können.

Um Auswertungen zu erhalten, müssen Nutzer ihre Verpackungen zunächst digital auf der Plattform hinterlegen, also Angaben zu Material, Abmessungen, geplanter Nutzung und Verbreitung machen. Je genauer, desto besser, sagt Loftin. „Eine erste Indikation zu einer Verpackung ist natürlich auch mit wenigen Basisdaten bereits möglich, aber gerade im Recycling kommt es aufs Detail an. Nicht nur das Material kann hier einen bedeutenden Unterschied machen, sondern auch Additive, Druckfarben und Barrierestoffe. Vor allem solche Elemente können zu Einschränkungen hinsichtlich der Recyclingfähigkeit führen oder erheblichen Impact auf die Ökobilanz haben. Die Art der verwendeten Druckfarbe kann beispielsweise starken Einfluss auf den Sortierprozess haben“, so die Gründerin.

Gerade detaillierte Informationen sind aber für viele Verpackungsverantwortliche aus verschiedenen Gründen noch immer eine Hürde. „Die entsprechenden Daten bei den eigenen Lieferanten einzuholen und zusammenzuführen, stellt etliche Unternehmen immer noch vor Herausforderungen“, erläutert Loftin im Gespräch mit LOGISTIK HEUTE. „Je nachdem an welcher Stelle der Verpackungs-Supply-Chain man steht, ist das mehr oder weniger aufwendig. Viele Inverkehrbringer haben schlicht nicht die Zeit oder die Kapazitäten, Lieferanten immer wieder auf fehlende Informationen anzusprechen.“

Deshalb arbeitet Recyda seit einiger Zeit daran, den Prozess der Datenbeschaffung und -weitergabe – auch in den Lieferketten der Unternehmen – zu vereinfachen und zu beschleunigen. Dabei soll es auch darum gehen, Nutzern zu vermitteln, welche Informationen hinsichtlich einer Verpackung für eine kompetente Analyse unabdingbar sind und welche Daten im Zweifel weggelassen werden können.

„Wir sehen das auch abseits der momentan existierenden Herausforderungen unserer Kunden als essenzielles Zukunftsthema. In absehbarer Zeit wird etwa der digitale Produktpass für sehr viele Unternehmen in der EU relevant sein. Dafür ist ein reibungsloser Datenaustausch sehr wichtig“, so Loftin weiter. Neuregelungen seitens der EU, wie zum Beispiel die geplante Packaging and Packaging Waste Regulation, oder Gesetzesnovellen auf nationaler Ebene sind für die Gründer von Recyda letztlich ein Beleg für die Notwendigkeit des eigenen Geschäftskonzepts.

Weniger Unsicherheit

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„Die vielen bereits umgesetzten und angedachten Veränderungen im Verpackungsbereich führen bei nicht wenigen Marktteilnehmern zu großer Verunsicherung. Die Hauptfrage dabei ist, worauf sich Unternehmen einstellen müssen und welchen Anforderungen ihre Verpackung demnächst genügen muss. Das führt zu erheblichem Druck und auch zu einem Bedarf an entsprechenden Lösungen. Wir sehen Recyda als eine davon“, erläutert Loftin. Über fehlende Anfragen können sich die Freiburger nach eigenen Aussagen deshalb nicht beschweren. „Wir haben unser Angebot 2020 auf den Markt gebracht und seitdem durchgehend neue Kunden für die Plattform gewonnen. Das zeigt uns auch, dass wir mit unserem Konzept einen Nerv getroffen haben.“

Tatsächliche Kundenbedürfnisse zu adressieren, ist Loftin und ihren Mitstreitern sehr wichtig. Um das eigene Konzept von vornherein in diese Richtung zu entwickeln, hat das Team viel Zeit und Arbeit investiert. „Wir durften viele Gespräche mit Unternehmensvertretern aus der Verpackungsbranche führen und haben dadurch herausgefunden, wo der Schuh bei den einzelnen Ansprechpartnern tatsächlich drückt. Das war sehr hilfreich“, sagt die Managerin.

Auch Partner aus dem Verpackungsbereich sieht die Gründerin als Bereicherung für den Aufbau ihres Start-ups. „Es ist aus unserer Sicht sehr wertvoll, wenn man jemandem ohne Scheu alle Fragen stellen kann, die einem unter den Nägeln brennen. Uns hat das in unserer Entwicklung wirklich weitergebracht und es macht heute einen Teil unseres Erfolges aus“, so Loftin.

Allerdings gibt es auch für das heute rund 21 Mitarbeiter starke Freiburger Start-up noch Hürden zu überwinden. „Obgleich der Druck für viele Marktteilnehmer hoch ist, dauert es immer noch vergleichsweise lang, bis sich Unternehmen für eine Digitalisierung ihrer Verpackungs-Supply-Chain entscheiden. Gerade mit Corporates sind die Prozesse aufgrund der längeren Entscheidungswege nicht immer einfach“, sagt Loftin. Deshalb würde sich die Gründerin vor allem mehr Mut und Tatkraft von den Unternehmen wünschen. „Ich fände es schön, wenn Firmen weniger zögern und mehr ins Machen kommen würden. Anzupacken gibt es in Sachen nachhaltiger Verpackung nämlich genügend Dinge.“

Sandra Lehmann

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Seite 56 bis 57 | Rubrik EXTRA