Wissenschaft: Das Gehirn und die Technologie

Digitale Technologien spielen heute auch in der Logistik auf vielen Ebenen eine Rolle. Nutzen wir dadurch unser Gehirn weniger? Und wäre das überhaupt schlecht?

 Bild: bannosuke/AdobeStock (Montage: Bartl)
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Melanie Wack
Logistik 4.0

Du brauchst kein Gehirn mehr!“, das war ein Ausruf am „Tag der Logistik 2013“. Die Gruppe war gespannt auf eine Datenbrille und wie man damit kommissioniert. Der Gehirn-Spruch fiel, als die Organisatoren das Pick-by-Voice-System zeigten. In einem Regal leuchtete es an zwei Stellen rot – ein Auftrag. Später setzten sich die Moderatoren die Google Glass auf und versicherten dem Publikum: Intelligenz ist nicht wichtig, die Maschine unterstützt. Folge dem Licht oder den Anweisungen im Display. Und so geht es weiter: Taschenrechner? Nein, Excel. Straßenkarten? Wozu, GPS. Mein einziger User-Experience-Workshop brachte mir eine Kernsache bei: Der User soll möglichst wenig denken. Intuitiv, oder wie manche sagen: „idiotensicher“. Die ganze Tech-Branche beschäftigt sich damit, dass unser Gehirn weniger belastet wird. Ist das gut fürs Gehirn?

Es war gut für uns alle, während der Lockdown-Phasen den damit verbundenen gigantischen Anstieg von Onlinebestellungen mit IT und Automatik abzuwickeln. Die Impfstofflogistik läuft auch nicht nur mit Stift und Papier. Neue Technologien in der Logistik sind sichtbar und spürbar: von den repetitiven Tätigkeiten im Lager bis zu komplexen Big-Data-Berechnungen.

Effekte auf das Gedächtnis

Trotzdem gibt es bis heute keine neurowissenschaftlichen Studien dazu, wie sich neue Technologien im Supply Chain Management auf das menschliche Gehirn auswirken. Interessant sind aber die Erkenntnisse aus den allgemeinen Studien über die Nutzung digitaler Technologien. Denn die Rahmen, in denen wir uns täglich bewegen, sind ähnlich: viele Informationen, einige Informationskanäle, parallele Arbeit an mehreren Aufgaben, weniger reale Kommunikation mit Kollegen und Arbeitstage, die hochfragmentiert sind. Was macht das mit uns? Eins ist sicher: Wir behalten unser Gehirn; die Hirngröße hat sich zuletzt vor zwei Millionen Jahren verändert.

Das Volumen bleibt also stabil – auch im digitalen Zeitalter mit Pick-by-Voice-Systemen oder Parkassistenten. Was die Neurowissenschaftler heute untersuchen, ist die Aktivität einzelner Gehirnteile. Ihre Vernetzung ist wichtiger als das Schädelvolumen. Auf die Frage „Werden wir durch digitale Technologien dümmer?“ antwortet die Ausgabe von „Dialogues in Clinical Neuroscience“ (Juni 2020) mit dem Thema „The Digital Revolution and its Impact on Human Brain and Behaviour“ mit einem „Nein“. Wir werden anders. Und zwar darin, wie wir uns Dinge merken, wie lange wir aufmerksam sind, worauf wir uns fokussieren und wie wir schlafen. Beim Letzten: weniger und unruhiger.

Jede Diskussion zu digitalen Technologien – egal ob im Büro, auf Twitter oder in einem wissenschaftlichen Essay – beginnt mit ihren Effekten aufs Gedächtnis. Wir memorieren weniger. Hans Rusinek, ein deutscher Ökonom und Publizist, fragte mal philosophisch: „Ist es dumm, etwas aus dem Kopf auszulagern, oder ist es intelligent, gerade das zu tun?“ Zusätzlich zur Arbeitszeit sind wir auch im privaten Leben ständig auf Empfang von neuen Informationen. Messenger checken, Newsticker lesen oder Serien aussuchen. Professor Michael Saling, Neuropsychologe an der Universität Melbourne, beschreibt einen natürlichen Mechanismus, was das Gehirn vor Überflutung an Informationen schützt: vergessen. Wenn es zu viel wird, dann wird so das Gedächtnis entlastet.

Schlecht für das Gehirn

Entlastung ist auch bedeutend für die Aufmerksamkeit. Der Mythos ist wissenschaftlich bestätigt: Je mehr Zeit vor dem Bildschirm verbracht wird, desto signifikant höher sind die Chancen für das Aufmerksamkeitsdefizit. Für Erwachsene und für Kinder. Ständiger Aufmerksamkeitswechsel und Multitasking schwächen das Gehirn – es findet keine Zeit mehr, um sich zu erholen. Die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne gibt das Tempo für alle Lebensbereiche vor. Eine Studie im Auftrag des Schreibwarenherstellers BIC in Großbritannien zeigt, ab wann die Probanden ihre Geduld verlieren. Eine Webseite hat 16 Sekunden Zeit, das Ablaufdatum von Kassenschlangen liegt bei 30 Sekunden und bei E-Mail mit dem Vermerk „Wichtig“ reißt den Absendern nach 90 Minuten der Geduldsfaden.

Aufmerksamkeit und Fokus sind die Lieblingsbereiche bei den Hirnscans. Viele Studien haben gezeigt, dass digitale Technologien die Aktivität im präfrontalen Cortex stimulieren. Dieser Bereich ist zuständig für das Kurzzeitgedächtnis und rasche Entscheidungen. Wir können größere Informationsblöcke schneller überfliegen und das Irrelevante abstreifen. Der kanadische Kognitionswissenschaftler Steven Pinker sagt hierzu: „Zum Glück helfen uns Internet und Informationstechnologien dabei, unseren kollektiven intellektuellen Output zu bewältigen, ihn zu durchsuchen und dabei fündig zu werden.“

Die größten Gewinner der digitalen Zeit aus der Sicht der Hirnentwicklung können die „Digital Immigrants“ sein. Im Vergleich zu den Millennials war ihre frühere Gehirnentwicklung nicht so vielen Reizen durch digitale Medien ausgesetzt, sie wuchsen mit mehr sozialen Interaktionen offline und ohne Druck des Multitasking auf. Bei den digitalen Immigranten stellte man fest, dass schon eine einfache Onlinerecherche neuronale Schaltkreise aktiviert, die den Entscheidungsprozess und komplexes Denken kontrollieren. Erlernen von etwas Neuem (nicht nur von digitalen Tools) ist ein Doping fürs Gehirn. Es wird aktiver. Zusätzlich wird durch Neugierde das Glückshormon Dopamin im Gehirn ausgeschüttet.

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Interessant ist auch die Wirkung der neuen Medien auf die visuelle Aufmerksamkeit. Es ist eine Fähigkeit, das Visuelle wahrzunehmen und weiterzuverarbeiten. Eine Forschergruppe unter Leitung von James Rosser untersuchten Chirurgen, die eine Bauchspiegelung (Laraskopie) durchführten. Durch das regelmäßige Video Gaming (im Schnitt drei Stunden pro Woche) verbesserten sie ihre laraskopischen Fähigkeiten und die Nähtechnik um 42 Prozent im Vergleich zu den Kollegen, die keine Videospiele spielten.

Hilft Gehirn-Fitness?

Wie schützen wir unser Gehirn vor negativen Effekten und wie stärken wir die positiven Seiten? Die Forschung und die Debatte um die Auswirkungen der neuen Technologien auf den Menschen gehen weiter. Das blühende Geschäft der Gehirn-Fitness löst auch Diskussionen aus. Sudoku oder Formenerkennung trainiert höchstwahrscheinlich nur Sudoku oder Formenerkennung. Der Neurowissenschaftler Steven Pinker betont: „Gebildete Menschen pumpen ihre Gehirne nicht mit intellektuellen Fitnessübungen auf, sondern sie vertiefen sich in ihre Fachgebiete.“ Logistikplaner planen, Disponenten disponieren, Exportabwickler informieren sich über die Zoll-Neuigkeiten.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Frage „Is Google (oder eine Dispositionssoftware) making us stupid?“ ist nicht zielführend. Es geht immer noch darum, wie digitale Werkzeuge genutzt werden. Die Fähigkeiten, die wir heute benötigen, sind Konzentrationsfähigkeit, Selbstkontrolle und kritisches Denken, und das geschieht nur durch Bildung und Weiterbildung. me

Autorin: Aigul Zhalgassova arbeitet im Supply Chain Management in Bamberg und befasst sich mit den Themen Digitalisierung und Organisationskultur.

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Artikel Wissenschaft: Das Gehirn und die Technologie
Seite 64 bis 65 | Rubrik EXTRA