KPI für Nachhaltigkeit: Grünes messbar machen und verankern

Wer Nachhaltigkeitsziele erreichen will, muss erst einmal seine CO2-Emissionen messen können. Und er muss seine Ziele im Unternehmensalltag verankern.

Wer Nachhaltigkeit in die Unternehmensstrategie integrieren will, braucht KPIs. Bild: lhar/AdobeStock
Wer Nachhaltigkeit in die Unternehmensstrategie integrieren will, braucht KPIs. Bild: lhar/AdobeStock
Therese Meitinger
IT

CO2 einsparen ist Pflicht: Mit dem EU-Klimagesetz vom Juni hat die Europäische Union ihre Ziele noch einmal deutlich verschärft – statt mindestens 40 Prozent der Treibhausgase im Vergleich zu den Werten von 1990 sollen EU-weit bis 2030 nun 55 Prozent eingespart werden. Bis 2050 will Europa klimaneutral sein. Deutschland hat sich vorgenommen, dieses Ziel bereits bis 2045 zu erreichen. Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie sehr konkret daran arbeiten müssen, ihre Emissionen zu senken – und sie erst einmal kennen müssen.

Dabei fließen Werte aus drei Dimensionen in die Rechnung ein: Während Scope 1 die direkte Freisetzung klimaschädlicher Gase im eigenen Unternehmen umfasst, bezieht sich Scope 2 auf Emissionen, die beim Energielieferanten entstehen. Unter Scope 3 fallen Emissionen aus der vor- und nachgelagerten Lieferkette der Betriebe.

„Bei den meisten Unternehmen fallen 90 Prozent der Emissionen in Scope 3 an – doch gerade dieser Bereich ist wegen der Vielzahl der damit verbundenen Prozesse schwer zu messen“, sagt Jakob Muus, Gründer des Start-ups Tracks. „Speziell der Transport ist dabei eine Operationsart, die sich nicht leicht messen lässt. Oft wissen Spediteure gar nicht, wer ihre Ware genau transportiert oder ob sie per Schiene, auf dem Schiff oder der Straße unterwegs ist.“ Muus hat zusammen mit seinen Mitgründern eine Plattform entwickelt, die Verladern, Spediteuren und Logistikdienstleistern eine Emissionsmessung und Verbrauchsoptimierung erlauben soll. Dazu nutzt die Tracks-Lösung KI-basierte Analyse- und Prognosetools. Mittlerweile ist die Lösung Teil des Carbon-Visibility-Portfolios von Transporeon.

„Unser Ansatz ist, die Daten direkt aus beispielsweise dem Lkw zu nehmen und dabei jeden Lkw, jede Route und – selbstverständlich anonymisiert – jeden Fahrer mit einzubeziehen“, beschreibt Muus. Damit lassen sich über digitale Zwillinge Algorithmen entwickeln, die den Treibstoffverbrauch und damit die CO2-Emissionen aus einer Kombination der Faktoren heraus vorhersagen. Fehlen künftig Angaben zum Treibstoffverbrauch, lassen sie sich mithilfe künstlicher Intelligenz hineinmodellieren – schließlich sind der Lkw und der Fahrstil des Fahrers auf einer bestimmten Route aus vorherigen Messungen bekannt. „Im Moment ist der Anteil der Primärdaten im Verhältnis zu den hochgerechneten noch relativ niedrig, aber ein Anteil von 15 Prozent reicht aus, um über den digitalen Zwilling belastbare Werte zu erzielen“, erläutert Muus.

Digitaler Zwilling für Prognosen

Von der Integration in das Transporeon-Ökosystem verspricht sich der Gründer auch ein Plus an Datenqualität. Schließlich sind etwa in der ebenso zu Transporeon gehörigen Sixfold-Echtzeittransparenzlösung, mittlerweile unter dem Namen Transporeon Visibility Hub erhältlich, rund 145.000 Spediteure erfasst – und damit rund 145.000 potenzielle Kontakte. „Da die Infrastruktur schon gegeben ist, fangen wir nicht bei null an, sondern können einen Datentrichter bauen“, sagt Muus. Außerdem könne man sich neue Kundenkreise erschließen, da größere Unternehmen oftmals Vorbehalte gegenüber von Start-ups entwickelten IT-Applikationen hätten.

„Es gibt kaum ein Unternehmen, das sich nicht mit dem Thema CO2-Reduktion beschäftigt“, sagt Muus. „Mittlerweile kommt der Druck zu sparen nämlich nicht mehr nur vonseiten der Endverbraucher, sondern auch vonseiten der Investoren.“ Seit dem 2021 erweiterten „Sustainable Finance Action Plan“ der EU müssen Banken, Versicherungen und Asset Manager schließlich jede Finanzierung unter Nachhaltigkeitsaspekten prüfen und das Thema Sustainability in ihr Risikomanagement aufnehmen. Das bedeutet auch: Unternehmen, die sich künftig größere Summen Geld leihen wollen, müssen ihre Compliance in Sachen Nachhaltigkeit nachweisen können.

Jakob Muus: „Oft ist das Thema jetzt beim CFO oder COO angesiedelt und bonusrelevant.“ Der Stand, auf dem die einzelnen Unternehmen beispielsweise bei der Messung von CO2-Emissionen sind, variiert ihm zufolge jedoch erheblich: Während die Großen eigene Sustainability Officer oder entsprechende Abteilungen unterhalten, stehen Mittelständler oft noch am Anfang.

Um sinnvolle KPIs für die Nachhaltigkeitsstrategie des eigenen Unternehmens zu entwickeln, empfiehlt Johannes Müller, Gründer und CEO des Münchener Start-ups Workpath, zwei Strategien: Entweder sich Hilfe von außen suchen und sich von Organisationen wie Leaders for Climate Action beraten lassen, die Unternehmen darauf vorbereiten, eigene Nachhaltigkeitsziele zu kreieren. Oder sich erst schlaumachen und dann ein „Green Team“ zusammenstellen – eine Taskforce mit Kollegen, die besonderes Interesse an dem Thema Nachhaltigkeit haben – und dann eine langfristige Strategie und Vision zu entwickeln. „Ein ganz wichtiger Schritt: Die Führung mit einzubeziehen, damit wirklich alle an einem Strang ziehen“, sagt Müller.

Workpath hat eine sogenannte OKR-Software entwickelt, die – analog zum Management-Framework „Objectives and Key Results“ – helfen soll, strategische Ziele in die tägliche Arbeit zu überführen. „OKR überbrückt die Lücke zwischen Strategieentwicklung und -umsetzung, indem alle Teams ihre Quartalsziele und -initiativen an den wichtigsten Prioritäten des Unternehmens ausrichten“, erläutert Müller. Ein qualitatives „Objective“ kann zum Beispiel das Nachhaltigkeitsziel sein. „Was man dabei nicht vergessen darf: Der Outcome steht im Fokus, nicht der Output. Das heißt, der tatsächliche Mehrwert, der durch die durchgeführten Maßnahmen, also den Output, geschaffen wurde.“

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Wie nahe ist das Ziel?

„Key Results“ sollen Aufschluss darüber geben, wie weit das Unternehmen auf dem Weg zum Ziel schon ist. Sie sind quantitativ, messen den Grad der Zielerreichung und haben einen Start- und einen Zielwert. „Dadurch ist jederzeit sichtbar, wie nahe das Endziel ist und ob unterwegs Anpassungen nötig sind“, beschreibt Müller. Darauf aufbauend lassen sich Initiativen entwickeln, in denen Teams genau festlegen, welche To-dos zum Erreichen des Ziels führen sollen.

OKR-Software ermöglicht Müllers Überzeugung nach Transparenz im Prozess, die für Mitarbeiter nachvollziehbar macht, warum Maßnahmen durchgeführt wurden, welche Ziele erreicht wurden und wie dies zustande kam. Das mache es leichter, so Müller, Nachhaltigkeitsmaßnahmen im Betrieb umzusetzen. „Wer versteht, warum Entscheidungen getroffen werden, wird diese eher akzeptieren.“

Therese Meitinger

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Seite 58 bis 59 | Rubrik EXTRA