Warum VW kein Goliath ist

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Guten Tag,

es gibt Geschichten, die sind so universal, dass sie auch Jahrtausende später noch Gültigkeit haben. Der Kampf David gegen Goliath ist so eine Story. Und dass sie sich erst vor ein paar Tagen wieder zugetragen hat, beweist ihre Allgemeingültigkeit. Da hatte sich David in Gestalt zweier kleiner Zulieferbetriebe gegen den Autokonzern-Goliath VW aufgeschwungen und den Riesen mit einem Lieferstopp von Getrieben und Sitzbezügen in die Knie gezwungen. Zumindest standen innerhalb kürzester Zeit einige Produktionsbänder der Wolfsburger landauf und landab still. Hunderte Autos, vor allem aus der Golf-Serie, wurden halbfertig in die Warteschlange geschoben, rund 28.000 Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Das Fazit: ein Millionenschaden auf VW-Seite. Also ein klassischer Steinschleuderangriff auf einen als unbezwingbar geltenden Koloss? Die Realität sieht anders aus. Denn die Machtverhältnisse im Streit zwischen VW und deren Zulieferern, ES Automobilguss und Car Trim, erlebten eine überraschende Wendung während des Lieferstopps. Plötzlich saß nicht mehr der Automobilriese am längeren Hebel, sondern die beiden Mittelständler, deren Namen vor dem Streit höchstens branchenintern ein Begriff waren.

Der Grund: Die Teile, die sie zuliefern, sind so essenziell für das Gesamtkonstrukt Automobil, dass ohne sie nicht weiterverfahren werden kann. Und die sächsischen Unternehmen, beide Teil der Prevent-Gruppe, sind in dieser Position kein Einzelfall. Inzwischen sind die Lieferketten gerade im Bereich Automotive so komplex und abhängig von vielen kleinen spezialisierten Zulieferern, dass sie nur noch funktionieren, wenn absolut alles glatt geht. Stellt sich aber ein Rädchen im großen Getriebe quer, so wie im Fall VW, dann gerät das Gesamtkonstrukt sehr schnell ins Wanken. Und es stellt sich die Frage: Wer ist David und wer ist Goliath?

Eine gefährliche Machtposition, die einigen Unternehmen da eingeräumt wird und sicherlich auch der Grund, warum der Autobauer in einer nächtlichen Verhandlungsrunde alles darangesetzt hat, eine Einigung mit dem Streitpartner zu erzielen (siehe News der Woche). Die Werkshallen werden ab sofort wieder beliefert und die Mitarbeiter können an die Produktionsbänder zurückkehren. Auch wenn der bezifferte Schaden von rund 100 Millionen Euro weit über dem Streitwert mit den beiden Zulieferern liegt, ist der Konzern wahrscheinlich noch mit einem blauen Auge davongekommen, anstatt es ganz zu verlieren.

Bleibt zu hoffen, dass der Fall nicht nur VW zum Nachdenken über die Ausgestaltung ihrer Supply Chains und vor allem des Einkaufs anregt. Etwa indem man ein engmaschiges Lieferantennetzwerk formt, um bei plötzlichen Ausfällen schneller reagieren zu können und die eigene Supply Chain damit weniger anfällig für Störungen zu machen. Oder eine Zwei-Lieferanten-Strategie ins Auge fasst, die die Abhängigkeit von einzelnen Suppliern minimiert. Aber welchen Weg man auch immer wählt, eines sollte für beide Seiten gelten: Wer vertrauensvoll miteinander umgeht und Konflikte dadurch schneller erkennt, hat immer die besseren Karten. Und die stabilere Lieferkette.
 
Eine interessante Lektüre wünscht

Sandra Lehmann
Redakteurin LOGISTIK HEUTE

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