Robotik-Boom: Fluch oder Segen?

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Guten Tag, Roboter sind Teil unseres Lebens – im privaten wie im beruflichen Bereich. Wer heute seinen Samstagnachmittag nicht mehr schwitzend mit Rasenmäherschieben verbringen will, schafft sich einen Mähroboter an. Ab 700 Euro ist man dabei. Und wer sich am „Infrastrukturtag“ ums Staubsaugen drücken will, kauft einen Saugroboter. Da ist man schon ab 150 Euro dabei.
 
Klar, es wird auch in 20 Jahren noch enthusiastische Gartenbesitzer geben, die es sich nicht nehmen lassen, wöchentlich Grashalme und Löwenzahn mit den eigenen Händen zu stutzen – weil ihnen der Roboter zu ungenau an den Rasenrändern arbeitet. Oder weil sie einfach Spaß an der Freude haben – und das Leben roboterfrei genießen wollen. So weit, so gut.
 
Was im B2C-Bereich jeder so machen kann, wie es ihm Spaß macht, ist im B2B-Bereich schon bald undenkbar. Schon jetzt schweißt in so gut wie keinem Autowerk mehr ein Mensch an einer Karosserie. Schweißroboter erledigen das. Und niemand marschiert von der Montagelinie ins Lager, um einen Behälter mit Schrauben zu holen. Die kommen per Routenzug oder schon per Transportroboter. Alles andere macht keinen Sinn. Das wissen nicht nur Konzerne, sondern auch Mittelständler. Und wer es nicht weiß, der wird es lernen. Robotikexperte Prof. Dr. Howie Choset hat auf der Fachmesse Automate im April in Chicago die These vertreten, dass für US-Firmen im produzierenden Gewerbe mit weniger als 500 Mitarbeitern künftig die Regel gelten wird: „automate or evaporate“ (automatisieren oder verschwinden). Soll heißen: Wer nicht bald reagiert, kann langfristig seine Firma schließen. Weil er nicht mehr wettbewerbsfähig ist.
 
Auf der Messe konnte ich auch gut beobachten, wie viel sich in kürzester Zeit in Sachen Bedienbarkeit, Kollaboration zwischen Mensch und Maschinen und – nicht zu vergessen -  Preisen getan hat. Deshalb greifen auch in Deutschland immer mehr Unternehmen zu Lösungen aus dem Bereich Robotik und Automatisierung. Und daher wundert es einen nicht, dass der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) für diesen Wirtschaftsbereich in Deutschland ein Wachstum von sieben Prozent für 2017 prognostiziert (siehe News der Woche).
 
Wann immer es um Robotik geht, fällt hierzulande meist auch das Wort Jobkiller. Ja, stimmt: Durch mehr Roboter fallen mehr Jobs weg. Doch zum einen haben viele Firmen jetzt schon ein massives Problem, (Fach-)Kräfte zu finden. Zum anderen wird, auch das schreibt der VDMA etwas verschwurbelt, aber deutlich, das „Erwerbspotenzial“ bis 2040 um rund zehn Millionen Menschen schrumpfen. Das entspricht 20 Prozent!
 
Und Hand aufs Herz: Wer als Heranwachsender mal gesehen hat, was für eine Knochenarbeit Karosserieschweißen ist, strebt das als „Traumjob“ bestimmt nicht mehr an. Was ich in diesem Zusammenhang beim vergangenen LOGISTIK HEUTE-Forum zu Industrie 4.0 von Firmenvertretern lernen konnte, war die Vielfalt an neuen Berufsbildern die im Zuge der Automatisierung entstehen werden – etwa im Bereich Bildverarbeitung und -erkennung. Das sind einfache Jobs. Und schon jetzt suchen die Unternehmen händeringend nach höher qualifizierten Mitarbeitern, die Roboter programmieren oder zumindest überwachen können. Die Manager quälen sich mit der Frage: Wie bilde ich meine Angestellten in diesem Bereich weiter? Und sie diskutieren auch die Frage, ob unser Schul- und Hochschulsystem die jungen Menschen richtig für die neue Welt der Robotik rüstet. Bleibt zu hoffen, dass die Bildungspolitiker diesen Trend nicht verschlafen. Ich vermute schwer: Wir werden noch viele hitzige Debatten darüber hören.
 
Einen erfolgreichen Tag in der Juni-Hitze wünscht
 
Thilo Jörgl
Chefredakteur LOGISTIK HEUTE
 
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Thilo Jörgl
ehem. Chefredakteur (bis 2018)

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